08.05.2006 — Mit dem «Jahrbuch Musiktherapie – Music Therapy Annual» präsentiert der Berufsverband der Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten in Deutschland (BVM) eine Nachfolgepublikation zu ihrer Schriftenreihe «Einblicke», die ebenfalls jährlich herausgegeben wurde. Mit dem Periodikum mit deutschen und englischen Beiträgen (samt Abstracts in der jeweils andern Sprache) will der Berufsverband eine Plattform bieten, die jeweils ein Thema oder Aspekte davon «aus unterschiedlicher Sicht oder unterschiedlichem Klientel oder verschiedenem theoretischem Ansatz behandelt.» (9) Breiten Raum nehmen neben den eigentlichen Artikeln Präsentationen aktueller Dissertationen und Buchbesprechungen ein.
Der erste Band der Reihe ist «Forschung und Entwicklung» gewidmet. Es finden sich darin Diskussionsbeiträge zur Empathie in der Musiktherapie (Susanne Metzner) sowie Musiktherapie und Demenz (Hanne Mette Ochsner Ridder, Jan-Peter Sonntag et al.) und eine Präsentation der Körpertambura und ihrem therapeutischen Potential (Bernhard Deutz, Cordula Dietrich). Im Weiteren bietet der Band eine hilfreiche Einführung in die bildgebenden Verfahren der Hirnforschung (Thomas Stegemann), die bloss den Begriff «Mismatch Negativity» unerklärt lässt, und eine ebensolche in die sozialrechtlichen Aspekte der Musiktherapie (Peter Mrozynski, Stefan M. Flach).
Mrozynski und Flach machen darauf aufmerksam, dass in Deutschland kaum Rechtssprechung zur Musiktherapie besteht, nach geltender Praxis in der Regel aber auch wenig Hoffnung auf eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen besteht. Dazu kann nachgetragen werden, dass die Situation in der Schweiz ähnlich ist. Hierzulande hat das Bundesgericht in einem Urteil von 1988 bereits Grundsatzüberlegungen angestellt, die Kostenübernahmen in Sachen Musiktherapie nur unter sehr engen und speziellen Bedingungen als angezeigt betrachten.
Unter den Buchbesprechungen, die teils die Themen der Artikel wieder aufnehmen und dabei die Musiktherapie selber nicht unbedingt thematisieren, wird unter anderem ein Blick in Literatur zur tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Aspekten der Therapieform geworfen. In einer etwas ausladenden Disserationspräsentation und einer Buchbesprechung wird schliesslich die im angelsächsischen Gebiet geführte Diskussion über die Möglichkeiten einer «Community Music Therapy» in den deutschen Sprachraum getragen. Speziell zu erwähnen ist überdies die Rezension des Handbuchs «Indikation Musiktherapie bei psychischen Problemen im Kinder- und Jugendalter. Musiktherapeutische Diagnostik und Manual nach ICD-10» von Isabelle Frohne-Hagemann und Heino Pless-Adamcyk, das – in der Überzeugung der Rezensentin Ilse Wolfram – einen wichtigen Beitrag zu den Anstrengungen leistet, «Musiktherapie als wissenschaftliches Verfahren zu fundieren».
Das Niveau der meisten Artikel ist zufriedenstellend bis hoch, in seiner Gesamtheit gibt der sorgfältig editierte Band guten Grund zur Annahme, dass sich die Reihe als seriöse wissenschaftliche Plattform ihren Platz im Konzert der Schriftenreihen zum Fach erobern wird. Von der für musiktherapeutische Fachliteratur üblichen Fallvignette verabschiedet sich die Reihe dabei genausowenig wie sie sich evidenzbasierter Methodik nicht verschliesst.
Ein Ausrutscher findet sich allerdings in der Besprechung von Barbara Gindls Buch «Anklang. Die Resonanz der Seele». Darin referiert die Rezensentin höchst umstrittene Thesen der Biophotonik in verblüffender Naivität als Tatsachen, die in der Behauptung gipfeln, man könne mittels feinstofflicher «morphogenetischer Felder» spüren, wer im nächsten Moment anrufen werde (159). Um sich nicht dem Verdacht der Unbedarftheit auszusetzen, müsste in einem Band, der aktueller Forschung gewidmet ist, zumindest erwähnt werden, dass solche Phänomene überaus kontrovers diskutiert werden. (wb)
Jahrbuch Musiktherapie – Music Therapy Annual, herausgegeben vom Bundesverband der Musiktherapeutinnen und Musiktherapeuten in Deutschland e.V. (BVM), Band 1 (2005) Forschung und Entwicklung, Reichert Verlag Wiesbaden, ISBN 3-89500-460-X, Bei Amazon kaufen