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Jazz – persönlich und sachlich

11.11.2003 — Die zeitliche Spanne ist weit gesteckt: Der Jazzmusiker mit dem am fernsten zurückliegenden Jahrgang in Reclams Jazzlexikon, Manuel Perez, wurde 1871 in New Orleans geboren: «Man sagt, er konnte gut Noten lesen und erwartete dies im Gegensatz zu den mehr improvisierenden Zeitgenossen wie Buddy Bolden auch von seinen Musikern.» (Dass Perez auch anderes als das Kornettspiel beherrschte, wird nicht unterschlagen: «1931 gab er den Musikerberuf auf und widmete sich dem Zigarrenmacherhandwerk.») Der Jüngste mit eigenem Artikel im Lexikon ist der Tenorsaxofonist Carlos Garnett, geboren 1983.

Das handliche, typografisch apart gestaltete Nachschlagewerk gliedert den Stoff in Personen- und Sachlexikon. Von den insgesamt über 680 Seiten belegt das Personenlexikon den Hauptteil, gut 560. Erfasst sind Musiker und Komponisten, aber auch für die Ästhetik des Jazz bedeutende Produzenten; in Einzelartikeln gewürdigt werden zudem Bands, Gruppen, Ensembles und Kollektive. Das Spektrum ist breit: Der Tatsache, dass Jazz sich längst zu einer globalen Erscheinung entwickelt hat, zu einem internationalen Idiom geworden ist, tragen die zehn Autoren Rechnung, indem sie auch die ausseramerikanischen Quellen berücksichtigen: mediterrane, nordafrikanische und afrokubanische Musik zum Beispiel, Gregorianik, Folklore des Balkans, indische, tibetische und abendländische Klassik, elektroakustische Musik, Tango und Klezmer, Reggae und Punk – eine offene Sichtweise. Dem entsprechend haben auch Künstler und Gruppen, die Puristen nicht unter das Label Jazz stellen würden, Aufnahme gefunden.

Verständlich und ein Plus dieses Lexikons ist die besondere Aufmerksamkeit, welche die Herausgeber Wolf Kampmann und Ekkehard Jost der deutschen Szene zukommen lassen. Während die schweizerische gut repräsentiert ist, mutet die Jazzszene Österreichs hier eher marginal an.

Reclams Jazzlexikon (Nachfolger des im Jahr 1970 erstmals erschienenen Reclams Jazzführer von Bohländer/Holler) legt in den mit Schwarzweiss-Abbildungen bereicherten Personenartikeln den Akzent auf Eigenart und Wirkungsgeschichte der Musiker: Keine nüchterne Auflistung biografischer Daten also, vielmehr eine Gewichtung der Einflüsse, der Leistung, der (aktuell gebliebenen) Bedeutung und der massgeblichen Einspielungen. Die anregende Lektüre erweist, dass hier Autoren mit Umsicht, Mut zu persönlicher Auswahl und eigener Meinung und mit Lust an der Arbeit waren.

Knapp ausgefallen ist der Sachteil. Nur wenigen Instrumenten sind eigene Beiträge gewidmet, dafür werden etliche Spieltechniken erläutert. Der erste Teil des Lexikons ist mit dem zweiten nicht durch Querverweise verknüpft. Zahlreiche Begriffe, die im Personenteil genannt werden, sucht man im Sachlexikon vergeblich. Positiv ins Gewicht fallen einlässliche, auch für Laien verständlich abgefasste Erläuterungen zu Standardbegriffen, weiterführende Literaturhinweise und Schwerpunktartikel wie Europa und Jazz, Film und Jazz, Neue Musik und Jazz, Politik und Jazz, Schallplatte und Jazz, Weltmusik und Jazz. (ws)

Reclams Jazzlexikon. Hrsg. Wolf Kampmann (Personenlexikon) und Ekkehard Jost (Sachlexikon). Mit 82 Abbildungen und 12 Notenbeispielen. Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2003. 688 Seiten. € 29,90. Fr. 50.20.

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