06.07.2009 — Mit einer facettenreichen Kulturgeschichte der Romantik, einem anregenden, sehr persönlichen, hier und dort auch zum Widerspruch animierenden, aus den Erfahrungen als Musikpraktiker schöpfenden Quellen-, Lese- und Studienbuch bringt Walter Wiese seine Trilogie der Kammermusik zum Abschluss. Der «Kammermusik der Romantik» vorausgegangen sind die Bände «Mozarts Kammermusik» (2001) und «Tschechische Kammermusik» (2004).
Seine lebenslange Passion für die Gattung Kammermusik hat der 1933 in Holstein geborene Walter Wiese, bis zu seinem Ruhestand Jurist in Staatsdiensten, als Geiger, Bratschist, Cellist und Sänger in zahlreichen Konzerten und in den genannten, auf gründlichen Studien basierenden Publikationen bewiesen. Die Erfahrungen als ausübender Musiker haben sich auch niedergeschlagen im vorliegenden Band in einer Vielzahl von Hinweisen zu Einzelheiten und Klippen der technischen Ausführung – oft findet sich gar der Tipp «Üben!» Jedenfalls misstraut der Autor den Theoretikern, «da ihr Wissen manchmal kaum bis unter die Oberfläche der Musik zu reichen scheint». Der philologisch-analytischen Methode zieht er in der Regel «die andächtige Bewunderung» vor, gelangt auf diesem Weg auch zu stimmigen Interpretationen der über hundert Werke: «Die gesetzten Schwerpunkte entsprechen Vorlieben des Verfassers – wie sollte es anders sein?»
Der Aufbau der vier Hauptteile Schubert, Mendelssohn, Schumann, Brahms ist identisch: Einem ganzseitigen Porträt schliesst sich zur Einstimmung ein Zitat oder ein Gedicht an; der Zeittafel folgen die diverse Aspekte aufgreifende Einführung und – ausser bei Schubert – eine Liste der Werke von Duos bis zu grösseren Besetzungen. Gezielten Zugriff auf die einzelnen Komposition ermöglicht das Inhaltsverzeichnis.
Bereits in den Einführungen erweist sich des Autors weiter Horizont. So werden in «Schubert als zoon politicon» auf der ersten Seite in Erinnerung gerufen: Napoleon, österreichischer Staatsbankrott, Befreiungskriege, Wiener Kongress, Vormärz, Biedermeier, Franz I., Karlsbader Beschlüsse, Metternich, Grillparzer… Bei Mendelssohn befasst sich Wiese u. a. mit absoluter Musik versus Programmmusik, bei Schumann mit Romantik und Realismus, Vormärz und Revolution von 1848/49, den Musikalischen Haus- und Lebensregeln.
In Exkursen würdigt der Autor das Wirken Fanny Hensel-Mendelssohns und Clara Schumanns. Einen Abstecher widmet er dem Thema Virtuosität (im Schubert-Teil).
Zusätzliche Ebenen der Information bilden sowohl in den Einleitungen wie in den Werkbesprechungen die Illustrationen, darunter Zeichnungen, Grafiken oder Fotos von Zeitgenossen, einlässliche (in kleinerer Schrift gedruckte) Zitate aus Briefen, Selbstzeugnissen, Rezensionen, zudem Gedichte, Anekdoten und Ausschnitte aus Zeitschriften und Büchern. Prominent durchzieht die Vielzahl der Notenbeispiele (meist Incipits von Sätzen) den Band. Er enthält ein ausgedehntes Literaturverzeichnis, konzentrierte Angaben zu allen erwähnten Personen sowie ein Namenregister.
Die Werkbesprechungen sind beschreibender, den Charakter des Ganzen wie der einzelnen Sätze erhellender Art ohne Überladung durch Fachtermini. Regelmässig berichtet der Autor über Spieltechnisches und eigene Erfahrungen mit den Partituren, weist auf Beispiele und Parallelen in anderen Gattungen (Klaviermusik, Lieder, Orchester- und Vokalwerke) und im Schaffen anderer Komponisten hin, auf Anregungen durch Vorbilder und Einflüsse auf Nachgeborene, resümiert fallweise die Geschichte der Drucklegung, deckt Beziehungen auf zwischen Werken der vier Protagonisten; eine Konstante dabei ist der Schriftsteller und Rezensent Schumann.
Im Zusammenspiel der einzelnen, in anderen Musikführern oft unterbewerteten bzw. vorausgesetzten (kunst)historischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fakten und Auswirkungen komponiert Walter Wiese eine klangvolle Partitur des 19. Jahrhunderts in einem vielschichtigen, tiefgründigen und auch für interessierte Laien anregend zu lesenden Kompendium.
Zitat aus dem Buch:
«Die Wirklichkeit der heutigen Kammermusikausübung leidet an dem Überangebot von Ablenkungen. Hatten die Menschen der 40er und 50er Jahre weder Geldmittel noch Reisemöglichkeiten ausreichend zur Verfügung, so muß ein Streichquartett, das heute regelmäßig zusammentreten und konzentriert musizieren soll, in einer Freizeitgesellschaft mit Weltreiseangeboten, Wochenendabenteuern, Sport und anderen Hobbys konkurrieren, und das unter unersättlichen Zeitgenossen, die am liebsten ihre Taufe, Hochzeit, Beerdigung und vieles andere mehr gleichzeitig erleben möchten. Noch ist es für ein Requiem der Kammermusik zu früh, aber ist es aufzuhalten? – » (Seite 14)
(ws)
Walter Wiese: Kammermusik der Romantik. Schubert – Mendelssohn – Schumann – Brahms. Mit Abbildungen (schwarz-weiss) und Notenbeispielen. Amadeus Verlag, Winterthur 2008. 419 Seiten. € 38,–. Fr. 64.–.