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24.02.2006 — Daniel Kehlmanns vieldiskutiertes (und vielgekauftes) Buch «Die Vermessung der Welt» ist für die von der deutschsprachigen Literatur sonst eher stiefmütterlich und gönnerhaft behandelte Geschichte des wissenschaftlichen Denkens ein Glücksfall. Da macht sich ein Autor Aspekte der Entwicklung von Logik und empirischer Forschung zum Thema, der dazu auch über die angemessenen (sic!) literarischen und gestalterischen Mittel verfügt. So ist ein handwerkliches Scheitern an dem schwerverdaulichen Brocken verhindert. Das Lesen der Geschichte bereitet dementsprechend grosses Vergnügen. Der Text stellt allerdings auch eine verpasste Chance dar. Wir kommen darauf zurück.
Am ehesten charakterisieren liesse sich die Tonalität der fiktiven Doppelbiografie von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauss mit Vorschlägen zur Idealbesetzung einer Verfilmung der Novelle. Aufdrängen würden sich Jack Lemmon und Walter Matthau – letzterer selbstverständlich in der Rolle des Mathematikers –, die allerdings nicht mehr in Betracht fallen können, weil sie beide tot sind, was sie ja wiederum mit Humboldt und Gauss verbinden und damit erst recht empfehlen würde. Manchmal bedauert man, dass die Antinomien des Lebens ideale Lösungen aus prinzipiellen Gründen verhindern.
Aber vielleicht wäre der Film nicht einmal die am nächsten liegende Weiterverwendung des Textes. Die knappen, sarkastischen Pointen Kehlmanns und die luzide Transparenz der Bilder haben eher das Flair intelligenter Comicstrips wie «Charlie Brown» oder «Dilbert». Die sonntägliche Zeitungslektüre mit «Humboldt & Gauss» krönen – passenderweise platziert direkt über der Vermessung der Welt in Form der Wetterkarte … warum nicht? Schliesslich gibt es ja auch schon «Calvin & Hobbes».
Kaum ein Rezensent widersteht der Versuchung, zu erwähnen, in dem Text spiele die indirekte Rede eine auffallende Rolle. Sie verfremde die Geschichte rhetorisch – so die Rezensenten weiter – und ironisiere das Geschehen. Wir sehen in dem Stilmittel, das sich wie eine leicht getönte Firnis über Ereignisse und Dialoge legt und ihnen etwas Manieriert-Vergilbtes verleiht, eher den Versuch, eine entscheidende Schwäche des Textes zu verbergen.
Sie verschleiert, dass das eigentlich Darstellenswerte an den beiden Biografien gerade ausgespart wird, nämlich die Frage, wie so ungeheure intellektuelle Leistungen zustandekommen – in dem Buch muten sie wie selbstverständlich an, als genüge es, von Natur aus ein hochtalentierter Kopf zu sein, um praktisch automatisch zu Spitzenleistungen zu gelangen.
Nichts Erhellenderes gäbe es aber zu schildern als die Kämpfe, Fehlschläge, Irrwege und Geistesblitze, die sowohl die Kunst der empirischen Datensammlung als auch die spekulative mathematische Modellbildung begleiten und ihr eigentliches Wesen ausmachen. Gerade Humboldt und Gauss und auch der in dem Buch als Nebenschauspieler mit einem oscarverdächtigen Auftritt betraute Immanuel Kant müssten gerade dafür zwingend Modell stehen. Dass diese vitale Seite des prallen Forscher- und Denkerlebens fehlt, lässt sich eben dadurch kaschieren, dass die Ereignisse mit Hilfe des Konservierungsmittels indirekte Rede in die museale Form eines gläsernen Präparates gebracht werden.
Einige Pointen in dem Roman sind umwerfend, etwa die irrwitzige Übersetzung von Goethes «Wanderers Nachtlied» ins Spanische, die ja wiederum in Deutsch paraphrasiert werden muss. Die indirekte Rede stellt zweifelssohne die einzige Lösung zur Deklination dieses semantischen Wahnwitzes einer inversen Übersetzung des Ungreifbaren ins Absurde dar.
Auf der andern Seite ist die Versuchung des besserwisserischen Lachers häufig zu gross. Wenn Humboldt etwa während des einmaligen Schauspiels einer Sonnenfinsternis bloss auf den Sextanten achtet und nicht nur die Erde im Dunkeln, sondern auch der Leser in eben diesem darüber gelassen wird, weshalb aus der Sicht des Wissenschaftlers eine Messreihe in gerade einem solchen unwiederbringlich verlorenen Moment das weit erregendere Erlebnis darstellen muss, als das theatralische Spektakel des Naturschauspiels: Da erhält die Ironie den schalen Beigeschmack der Ignoranz und befördert den narzisstischen Irrtum des Zeitgeistes, es genüge, ein schräger Vogel zu sein, um Weltgeschichte zu schreiben. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins
