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Keine Kulturdebatten im Schweizer Fernsehen

Von Wolfgang Böhler

 

28.08.2009 — Eine Einladung der Kulturabteilung des Schweizer Fernsehens (SF) an die Schweizer Kulturjournalisten hat dieser Tage Gelegenheit geboten, den Verantwortlichen den Puls zu fühlen. Eine recht interessante Erfahrung. Die SF-Kulturequipe hat ihre Pläne vorgestellt, darunter einiges, was diskutabel ist, etwa die Tatsache, dass im «Klanghotel» (das künftig anders heissen dürfte) in Sachen E-Musik noch mehr auf Promis und Personalisierung gesetzt werden wird. Eine allgemeine Fragerunde war aber nicht vorgesehen, und die anwesenden Journalisten hatten dazu offenbar auch kein Bedürfnis. In der Kulturberichterstattung wird ja auch schon längere Zeit nicht mehr debattiert, sondern bloss noch verlautbart, oder auch nur verleisebart.

Natürlich haben wir es uns dennoch nicht verkneifen können, im Zwiegespräch am Rande die Gretchenfrage zu stellen: Nun sag SF, wie hast du’s mit der Kulturpolitik? (Du bist ein herzlich guter Sender/Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.) Rainer M. Schaper, der sehr umgängliche Abteilungsleiter, hat zwar nicht geanwortet: «Lass das mein Kind! Du fühlst ich bin dir gut», aber so ähnlich hat’s getönt. Wir insistieren mit ein paar Beispielen. Wieso hat’s nie einen «Club» zum Kulturförderungsgesetz gegeben (von einer «Arena» ganz zu schweigen)? Warum thematisiert das SF nie die heiklen Fragen der Kulturfinanzierung? Weshalb sind «10 vor 10»-Politikbeiträge auch mal frech und provozierend, die Kulturberichte der Infotainment-Profis hingegen eher ahnungslose und total unkritische Jubelarien? Weshalb sehen wir Politsatire bloss noch in der infantilisierten Form eines Skilager-Unterhaltungsabends, die sich «Giacobbo/Müller» nennt?

Och, meint Rainer M. Schaper ausserordentlich verständnisvoll, sobald solche Themen angeschnitten würden, dann sausten die Einschaltquoten halt erbarmungslos in den Keller. Mit anderen Worten: Das Schweizer Fernsehpublikum hat leider Null Bock auf Kulturpolitik – bedauerlicherweise, aber unglücklicherweise nicht zu ändern. Nathalie Wappler, die nicht minder umgängliche Leiterin der Sternstunden, kommt zum genau gleichen Urteil. Und bedauert das natürlich genauso ausserordentlich.

Im Gespräch mit Schaper haben wir noch protestiert: Das sei eine selbsterfüllende Prophezeiung, erklärten wir etwas emphatisch, und fanden das Argument zu diesem Zeitpunkt total originell und unschlagbar. Mittlerweile haben wir mehrmals darüber schlafen können, und damit haben sich auch Zweifel eingeschlichen.

Politik lebt, wie männiglich weiss, von Debatten. Und vermutlich ist es nicht Aufgabe eines Staatssenders, Debatten zu provozieren, vor allem nicht die eines Senders eines konsensorientierten Landes. Er muss solche, sind sie einmal im Gang, vor allem möglichst angemessen abbilden (was das in der Praxis bedeutet, darüber dürften vor allem die «Arena»-Macher Enzyklopädien schreiben können). Wenn die Kulturschaffenden keine Debatten führen, dann braucht es sie halt einfach nicht. So einfach kann Politikberichterstattung sein.

Kann man sich ja wirklich fragen: Wozu bräuchten wir eine Kultur der angeregten und wachen Diskurse? Weshalb müssten wir unsere Argumente schärfen und uns rüsten für intellektuelle Auseinandersetzungen? Warum sollten wir unsere denkerische Wachheit wahren und uns in Schlauheit üben? Uns geht’s ja gut.

Geht es uns das tatsächlich? Wenn man sieht, wie blauäugig und unvorbereitet die Schweiz in Auseinandersetzungen mit den Ausserirdischen – den USA rund um die UBS, der EU rund um den Steuerstreit, mit Libyen rund um die Verhaftung Hannibal Gaddafis – gestiegen ist, dann sollte man da einen Gang höherschalten. So langsam muss uns nämlich die Ahnung beschleichen, dass da draussen, jenseits der Grenzen der Schweiz, etwas existiert. Und dass da mit härteren Bandagen gekämpft wird, als wir uns dies in unserem Wohlfühlstaat gewohnt sind. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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