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Kevin Bazzanas Gould-Biografie

08.01.2007 — Glenn Gould ist so etwas wie der Archetypus des genialischen Sonderlings unter den Interpreten des 20. Jahrhunderts. Dass dies kein Zufall ist, zeigt Kevin Bazzanas akribische, detail- und anekdotenreiche Biografie über den kanadischen Pianisten, die nun in der von Isabell Lorenz sorgfältig erstellten deutschen Übersetzung vorliegt. Sie bestätigt auf wundersame Weise jüngere Erkenntnisse zu den physiologischen Eigenheiten speziell kreativer Menschen, wie sie von der Psychologin Shelley Carson letztes Jahr präsentiert worden sind: In einem vielbeachteten Artikel im Journal of Personality and Social Psychology (*) vermutet Carson, dass eine reduzierte Fähigkeit, wichtige und weniger wichtige Reize im Hirn zu filtern, bedeutende Faktoren individueller Kreativität bilden – samt der damit verbundenen ständigen geistigen (Über-)erregung. Und wie charakterisiert Bazzana Goulds Persönlichkeit? «Als er acht war, gingen seine Eltern mit ihm ins Kino, in ‚Shea’s Hippodrome’ lief Walt Disneys ‚Fantasia’, und er konnte diese ‚entsetzliche Farborgie’ nicht ausstehen, wie er sich noch Jahre später erinnerte. ‚Ganz deprimiert ging ich nach Hause, mir war leicht schwindlig, und zum ersten Mal im Leben hatte ich Kopfschmerzen, an die ich mich noch erinnern kann.’» (33)

Goulds Abneigung gegen alles, was die Reizüberflutung befördert, scheint da nur folgerichtig: «…alles Südliche und Mediterrane war ihm ein Gräuel: Sonnenschein, blauer Himmel, kräftig gewürztes Essen, körperliche Anstrengung, leichtlebige Sinnlichkeit, emotionale Offenheit, italienische Oper. Er verabscheute leuchtende Farben und setzte Rot mit Gewalt gleich.» (33) Eine solche ständige Gefahr der Sinnesinflation führt dazu, dass sich Betroffene weit mehr mit sich selber beschäftigen müssen als der Durchschnittsmensch. Sie zeigen dadurch in ihrem Sozialverhalten häufig eine retardierte Entwicklung und schaffen es – wie im Falle Goulds – in liebevoller, aber im Grunde genommen verständnisloser Umgebung dennoch nicht wirklich, ein ausgeglichenes und gesundes Selbstbild aufzubauen.

Bazzana zeichnet auf differenzierte Weise genau dieses Bild von Gould als liebenswürdigem, selbstbezogenem Nonkonformisten, dem die Fähigkeit weitgehend abgeht, seine Mitmenschen und seine Wirkung auf diese adäquat wahrzunehmen. Als medikamentensüchtiger Hypochonder scheint er sich überdies ständig kurz vor einer Dissoziation des eigenen Ichs zu befinden. Akribisch erzählt das Buch etwa die Geschehnisse rund um eine überraschende, spontan gemeinte freundschaftliche Berührung Goulds durch einen Steinway-Mitarbeiter, dem endlose Auseinandersetzungen um eine angebliche Schulterverletzung folgten (160). Es präsentiert auch amouröse Korrespondenzen (281), die vermuten lassen, dass Gould in seinem erotischen Verhältnis zu Frauen nie über pubertäre Verwicklungen hinausgekommen ist oder auch sonst eine auffallende zwischenmenschliche Unreife zeigte. Wie ein Pubertierender verhielt sich Gold etwa auch, wenn er sich gegenüber Freunden im Publikum seiner Auftritte befangen fühlte. Er ging dabei so weit, darauf zu bestehen, dass die Sekretärin seines Konzertagenten Walter Homburger «tatsächlich (auf seine Kosten) die Stadt verliess, wenn für ihn mehrere Konzerte anstanden.» (150)

In dieses Bild passt, dass auch Goulds Humor oft zum Selbstläufer geworden zu sein scheint und sein Auditorium zeitweise ratlos liess, selbst wenn er in lichten Momenten wirklich umwerfend witzig sein konnte – etwa wenn er in der parodistischen Rolle des deutschen Avantgarde-Komponisten Karlheinz Klopweisser die «Resonanz der Stille» beschwörte, die als deutsche Stille «natürlich organisch ist im Gegensatz zur französischen Stille, die ornamental ist» (318) oder wenn er von Horowitz, den er überhaupt nicht mochte, behauptete, dessen berühmte Oktaventechnik sei «bloss vorgetäuscht» (87).

Über alldies und vieles mehr berichtet die hervorragende und gerade wegen ihres nüchternen Blickes ungewöhnlich scharfsinnige Biografie, so auch über das kleinbürgerliche Toronto der dreissiger Jahre, von dem sich der Pianist zeitlebens nicht zu befreien vermochte, und über zahlreiche Details seiner interpretatorischer Ideen. Es erzählt aber auch von Goulds teils spektakulärer Virtuosität beim Schneiden von Tonaufnahmen oder dem Erfinden innovativer, in der Art kontrapunktischer Musik komponierter Radiosendungen, die in einer subversiven Parodie auf die Rückkehr von Horowitz aufs Konzertpodium gipfeln. In «Glenn Goulds hysterische Rückkehr» tritt er «mit dem Aklavik Philharmonic Orchestra auf einer Bohrinsel mitten im arktischen Ozean auf (…) Während seiner Zugabe verursacht die Nachricht eines neuen Ölfundes einen Massenexodus unter seinem Publikum (…) Als seine Zugabe zu Ende geht, steht Gould allein auf der Bohrinsel in dem heulenden Wind und verbeugt sich unter dem einsamen Gebell eines einsamen Seehundes» (333). Irgendwie bleibt einem ob dieses Sinnbildes von Goulds eigenem Künstlertum das Lachen im Halse stecken.

Dem Buch beigegeben ist eine CD mit einer Einspielung von Kompositionen Goulds (seine eigene Transkription von Wagners Siegfried-Idyll, fünf kleine Stücke aus dem Jahr 1950 und zwei Stücke aus den Jahren 1951/52 in dodekaphonischem Stil, eine Sonata für Klavier sowie ein absolut abenteuerlicher Vortrag über Bach, den Gould auf Deutsch – das er selber nicht beherrscht oder versteht – radebrecht). Die Klavierstücke spielt der estnische Nachwuchspianist Vestard Shimkus.

(*) Shelley H. Carson; Jordan B. Peterson,; Daniel M. Higgins: «Decreased Latent Inhibition Is Associated With Increased Creative Achievement in High-Functioning Individuals», Journal of Personality and Social Psychology. 85(3), Sep 2003, 499-506 (wb)

Kevin Bazzana: Glenn Gould, aus dem Englischen von Isabell Lorenz, 2006 Schott Music Mainz, 432 Seiten + 1 CD, ca. 25 € bei Amazon kaufen

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