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Kinderkultur gehört in die Grundschule

Von Wolfgang Böhler

 

01.06.2012 — Die Stadt Zürich weist diese Tage stolz auf den geplanten Ausbau ihrer Kinderkultur hin. Da soll etwa «unter besonderer Berücksichtigung von bildungsfernen Kindern» ein Kindertheaterprojekt «nachhaltig» gestärkt werden, mit jährlich 150’000 Franken. Mit einem Kulturfestival sollen besonders «Kinder und Jugendliche aus wirtschaftlich schwächeren Verhältnissen» angesprochen werden. Für 300’000 Franken über zwei Jahre. Eine «Kinderkulturakademie» soll «mittels interessanter und übergeordneter Themen das reichhaltige Angebot der Zürcher Kulturinstitutionen für Kinder und Jugendliche aus allen sozialen Schichten zugänglich und attraktiv» machen.

Ein Büro für Schulkultur soll «zusammen mit städtischen Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden eigene Kulturprogramme für spezifische Zielgruppen in den Volksschulen entwickeln und die Funktion eines allgemeinen Beratungs- und Informationsbüros für Kinderkultur übernehmen».

Die Initiativen der Stadt Zürich sollen hier keineswegs grundsätzlich kritisiert werden. Sie haben bloss bloss exemplarischen Charakter für einen bildungspolitischen Megatrend, ästhetische Kompetenzen zu unterschätzen, deren solide Vermittlung in den Schulen zu demontieren und kulturelle Betätigungen zum unpolitischen Unterscheidungsmerkmal einer hablichen Elite zu machen. Dafür gibt’s dann Beruhigungspillen in Form von Kulturvermittlungs-Projekten.

Chancengleichheit und Nachhaltigkeit sind die behaupteten Prinzipien der Stunde. Man kann mit gutem Grund bezweifeln, dass solche punktuelle Angebote wie die zürcherischen diesen wirklich folgen. Sie ersetzen die Vermittlung solider Fertigkeiten durch oberflächliche Erlebnisse, letztlich mit Eventcharakter, so gut sie auch gemacht sein mögen.

Man stelle sich einmal vor, man würde den Mathematikunterricht in der Schule durch eine jährliche Mathematikolympiade «unter besonderer Berücksichtigung von bildungsfernen Kindern» ersetzen – und durch ein Technikfestival, mit dem mathematische Anwendungen für «Kinder und Jugendliche aus allen sozialen Schichten zugänglich und attraktiv» gemacht werden sollen. Tönt absurd, oder? Keiner würde behaupten, der Nachwuchs würde so nachhaltig und unabhängig von seiner sozialen Herkunft rechnen lernen. Weshalb scheint das in Sachen ästhetischer Bildung akzeptierbar?

Chancengleichheit und Nachhaltigkeit werden bloss durch eines wirklich gefördert: Durch die Einsicht, dass ästhetische Kompetenzen als Kulturtechniken gleich wichtig sind wie Rechnen, Schreiben und Lesen. Notenlesen, Farben unterscheiden, die Ausdruckskräfte des eigenen Körpers kennen, Ausdruckmöglichkeiten für Basisemotionen bedürfen der gleichen Professionalität und der gleichen langjährigen Geduld wie die Vermittlung von Rechtschreibung und Einmaleins.

Die in den Kanon der Kulturtechniken integrierten Künste hätten eine fundamentale Botschaft: Du bist jemand, weil du über deinen Körper und Geist souverän und selbstbestimmt verfügst. Wer hat Angst davor?

Bringt die Schule es nicht mehr fertig, diese Botschaft zu vermitteln, werden Mechanismen in der Art der TV-Castingshows zu fatalen Ersatzhandlungen. Bemühen um Selbstausdruck zelebrieren sie als Demütigungsritual, sie demontieren die Werte von Geduld und Beharrlichkeit ohne öffentliche Belohnung als wichtige Voraussetzung der Selbstverwirklichung, und sie machen die Launen einer anonymen Öffentlichkeit anstelle einer fundierten individuellen Selbstwahrnehmung und -einschätzung zum Mass aller Dinge. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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