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20.06.2008 — Die Kulturförderung des Bundes zeigt auf allen Ebenen mehr und mehr Schlagseite in Richtung Markt. Die beim Bundesamt für Kultur (BAK) angesiedelte Filmförderung fördert Projekte bevorzugt, wenn sie zeigen können, dass sie ein Publikum finden, Pro Helvetia plant, in der Musikförderung mehr Akzent auf die Vermittlung und damit auf die Resonanz im Markt zu legen. BAK, Pro Helvetia und das Landesmarketing verhalten sich auch sonst mehr und mehr wie kommerzielle Verlage oder Produktionsfirmen − mitsamt dazugehörigem Eitelkeitskult der Funktionäre. Wie an der Jahrespressekonferenz des BAK angekündigt, soll das Prinzip nun auch auf die Literaturförderung ausgeweitet werden. Dem Succès Cinéma soll ein Succès Livre folgen. Dabei werden beide Aspekte verbunden: Literatur soll erfolgsabhängig gefördert werden − um sie dem Volk besser vermitteln zu können.
Das BAK und die nationalen Kulturförderer befinden sich damit auf vollkommen falschem Kurs, wenn auch zugestandenermassen konsequent: Statt an der künstlerischen Relevanz, orientieren sie sich mehr und mehr an Konsumbedürfnissen und an der Auslandswerbung im Dienste der nationalen Wirtschaft.
Guter kommerzieller Kultur soll auf die Beine geholfen werden. Dagegen ist absolut nichts einzuwenden. Dazu ist aber keine staatliche Kulturförderung vonnöten, sondern die Einsicht, dass man es da mit einer Wirtschaftsbranche zu tun hat. Eine solche braucht gute Rahmenbedingungen und Risikokapital – im Rahmen der Start-up-Förderung für private Unternehmer, die wissen, wie man sich in überaus hartem internationalem Konkurrenzkampf auf dem Kulturmarkt behauptet. Wenn der Bund die Rolle übernehmen will, produziert er vermutlich auch weiterhin bloss Flops wie «Tell» und «Max & Co». Der Bund kann echte inhaltliche Frechheit, die gute Unterhaltung ausmacht, gar nicht aktiv unterstützen. Der politische Interessensausgleich verhindert das.
Die Neuorientierung der nationalen Kulturförderung ist eine opportunistische Reaktion auf Kritiken an den Schwächen der bisherigen: Es ist tatsächlich problematisch, wenn für viel Geld Projekte gefördert werden, die erstens bloss eine verschwindende Minderheit zur Kenntnis nimmt und zweitens künstlerisch irrelevant und unfruchtbar bleiben.
Dummerweise ist ersteres als entscheidender Mangel des Systems diagnostiziert worden. Ein Irrtum. Die kurzfristige Resonanz beim Publikum ist für die eigentlichen Ziele der staatlichen Kulturförderung vollkommen irrelevant. Sie soll einzig und allein relevante und fruchtbare Werke ermöglichen oder selber anregen, an denen die Privatwirtschaft mangels Gewinnpotential kein Interesse hat. Dabei darf sie durchaus auch Schwerpunkte setzen − solange sie sich alleine an der Qualität orientiert. Dies allein − man nimmt die nationalkonservative Kampfparole nicht gerne in den Mund, muss es aber wohl für einmal − bringt das Land vorwärts.
Der eigentliche Mangel des Systems ist nicht das Desinteresse der Öffentlichkeit an Kunst mit hohem ästhetischem Potential. Er besteht vielmehr in der Tatsache, dass die Gremien, die über Fördermassnahmen entscheiden, ihrer Aufgabe nicht nachkommen können, weil sie zu wenig professionell agieren können, ihre Mitglieder nicht selten selber Gesuchsteller für Förderung sind und der Arbeits- und Finanzaufwand, den erstklassige Gesuchsbehandlungen mit sich bringen, von der Politik entweder nicht erkannt oder nicht honoriert wird.
Statt den Markt zu beschwören, müsste man also deutlich mehr Geld fordern, um Förderkommissionen bessere Arbeitsbedingungen zu ermöglichen und Auswahl und Qualifikation ihrer Mitglieder sorgfältig zu beurteilen. Darüber hinaus bräuchte es eigene Ausbildungsgänge und Berufsbilder für Kulturförderer – abgekoppelt von denjenigen für die Künstler und Kulturschaffenden.
Solchen Reformen dürften dann auch üppige Aufstockungen der Budgetposten zur Förderung der Kultur folgen. Sie hätten nämlich alles in allem einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Nutzen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
