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18.11.2005 — Das Internet ist ein recht neues, noch keineswegs konsolidiertes Medium, und so ergibt es sich, dass die Medienkritik selber immer mal wieder Thema dieser Kolumne ist, auch wenn wir eigentlich lieber einfach die Musik und das Nachdenken über diese ins Zentrum unseres Interesses rücken würden. Für einmal soll der kritische Blick aber sogar auf ein Konkurrenzmedium gerichtet werden, auf das Fernsehen – genauer: die Fernsehwerbung. Mitterweile wird da nämlich scheinbar selbstverständlich und – noch erschreckender – unwidersprochen ein Menschenbild gepflegt, das an der geistigen Gesundheit der Verantwortlichen zweifeln lässt.
Drei Beispiele: Im Fernsehspot eines Schweizer Internetpoviders probiert ein smarter junger Mann in einem Laden Fussballschuhe an; dazu rennt er von der Seite auf einen unbeteiligten Kunden zu, um diesem im Stil eines Fussball-Fouls in die Beine zu grätschen und ihn so zu Fall zu bringen. Ein Zuschauer beobachtet die Szene, ohne mit der Wimper zu zucken. Die intendierte Botschaft: Man soll etwas immer zuerst ausprobieren, bevor man dafür Geld auf den Tisch blättert.
In einem weiteren Spot fährt ein nicht minder smarter junger Mann mit einer jungen Frau auf dem Rücksitz auf dem Motorrad durch den Wald. Sein Blick fällt auf einen Schokoriegel im Körbchen, das an der Lenkstange befestigt ist. Um den Riegel nicht mit der Frau teilen zu müssen, lenkt er das Motorrad sich bückend unter einem herausragenden Ast durch, der die Frau am Kopf trifft und sie vom Fahrzeug katapultiert. Die intendierte Botschaft: Den Schokoriegel kann man teilen, muss man aber nicht.
Im dritten Beispiel erklärt ein putziges kleines Mädchen, dass seine Mutter es mit ihren Kleidern und ihrem Computer spielen lasse und für es auch sonst alles tue. Das Töchterchen lässt die Mutter dafür auch vom Naschzeug essen, das diese für den Nachwuchs nach Hause bringt. Die intendierte Botschaft: Die Kindersüssigkeiten sind auch für Erwachsene ein Genuss.
Die wahren Botschaften: Andere gefühlskalt für seine Selbstinszenierungen missbrauchen, den eigenen Egoismus zelebrieren, Autoritätsverhältnisse in einer Familie auf den Kopf stellen ist cool, kreativ und witzig. Noch schlimmer als diese Botschaft ist, dass sie heute offenbar so normal geworden ist, dass keiner reklamiert, wenn derartiges im «harmlosen» Umfeld elektronischer Werbung zur Massenunterhaltung genutzt wird.
Finden Sie unsere Sorge um die geistige Gesundheit unserer TV-Spot-Macher übertrieben? Verstehen wir keinen Spass? Sind wir humorlos? Sollten Sie zu diesem Schluss kommen, dann gestehen wir: Wir sind bekennende und zutiefst überzeugte Langweiler, weil wir hundertmal lieber in einer «humorlosen» als in einer narzisstisch gestörten Welt leben, in der unterschwelliger Sadismus und Gefühlskälte Normalzustand und kleine Haustyrannen ohne erzieherische Schranken Symbol für Familienidyllen sind.
Ein Verbot solcher Werbung wollen wir dennoch nicht fordern; das würde unserer liberalen Grundhaltung widersprechen und dem Wissen, dass man Dummheit nicht mit Moralismus bekämpfen kann. Es ist aber zu hoffen, dass sich möglichst viele finden, die solche Werbeideen als das bezeichnen was sie sind: Weder cool, noch kreativ noch witzig, sondern krank, obszön und pervers und Ausdruck eines verheerenden Mangels an Menschlichkeit und Reife. Als Auftraggeber würden wir eine Medienagentur, die mit solchen Vorschlägen anrauscht, blitzartig auf die Strasse stellen. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins
