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06.06.2008 — Vor einigen Tagen haben die Wirtschaftsförderung der Stadt Zürich und die Standortförderung des Kantons Zürich den aktuellen Bericht zur Kreativwirtschaft ihrer Region veröffentlicht. Das auffallendste Resultat ist wohl die Tatsache, dass das Beschäftigungspotential der Kreativwirtschaft grösser ist als dasjenige der Banken. Arbeiten im Bank- und Kreditgewerbe in Zürich je nach Standpunkt zwischen 43’500 und 50’800 Personen, sind es in der Kreativwirtschaft 53’000. Die meisten davon haben existenzsichernde Arbeitsplätze. Davon sind etwa 4000 in der Musikwirtschaft tätig. Die Kreativwirtschaft erarbeitet rund 4,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts des Kantons Zürich.
Die Zahl der Kreativunternehmen und der Umsatzpotentiale sind zwischen 2001 und 2005 (aus diesem Jahr stammen die aktuellsten Zahlen) gestiegen. Das ist gut so. Stutzig macht allerdings, dass gleichzeitig die Zahl der Arbeitstätten der Musikwirtschaft zurückgegangen ist, und zwar happig.
Am meisten Federn gelassen hat der Bereich der künstlerischen Schulen, zu denen auch die selbständigen Musiklehrer zählen. Ihre Zahl ist um ganze 58 Prozent zurückgegangen. Es sind auch deutlich weniger konzertierende Musiker und Ensembles aktiv; der Rückgang beträgt hier fast 30 Prozent. Zugelegt haben demgegenüber die Theaterbetriebe. Von denen gibt’s einen Viertel mehr. Am meisten Stellen abgebaut haben wiederum Labels und Detailhandel.
Unter dem Strich sind − wenn wir das richtig überblicken − also deutlich weniger unternehmerisch aktive Musiker auszumachen. Dies müsste denjenigen Funktionären und Politikern zu denken geben, die von den Musikern fordern, ihr ökonomisches Schicksal vermehrt in die eigenen Hände zu nehmen. Was hier falsch läuft, wissen wir nicht, eine Ad-hoc-Erklärung auf die Schnelle möchten wir unsern Leserinnen und Lesern ersparen. Wir bleiben am Thema aber dran.
Der Report (er ist unter www.creativezurich.ch aus dem Netz herunterladbar) weist auf einen weiteren interessanten Aspekt hin: Kreativwirtschaft brauche, so die dazu gehörende Medienmitteilung, eine urbane Umgebung. Urbanität sei einer der wichtigsten Standortfaktoren der Kreativwirtschaft. Weshalb? Die Branchenvertreter rotten sich bevorzugt in eher heruntergekommenen Quartieren zusammen, einerseits aus Lust an Nonkonformismus und proletarischem Ambiente, andererseits weil viele materiell nicht eben auf Rosen gebettet sind und in solchen Gegenden billigen Wohn- und Arbeitsraum finden.
Tatsächlich können es sich avantgardistische Unternehmen aus der Hightechwelt leisten, in der tiefsten Provinz zu produzieren. Ein Neue-Musik-Ensemble oder ein Hiphop-Label sind im Bergtal kaum vorstellbar. Marsmotoren können im obwaldischen Sachseln ausgetüftelt und die Belegschaft ins örtliche Vereinsleben integriert werden. Mit einem experimentellen Tanztheater ist so etwas kaum machbar (Ausnahmen bestätigen die Regel).
Die Kreativwirtschaft ist aber «eine typische Querschnittsbranche mit Zulieferfunktion für andere Wirtschaftssektoren», die auf allen Ebenen von der Produktion über die Dienstleistung bis zum Handel aktiv ist. Das heisst, eine bessere regionale Durchmischung wäre im Interesse aller und diente auch regionalen Industrien ausserhalb des «urbanen» Raums. Möglicherweise wird das eine der grossen Herausforderungen der nahen Zukunft werden: Förder- und Interaktionsmodelle zu finden, dank denen sich hochklassige kreative Betriebe aus den städtischen In-Quartieren auch in die Dörfer locken lassen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
