![]() |
16.01.2009 — 2009 ist für die Europäische Union das «Jahr der Kreativität und Innovation». Es wird dieser Tage (am Dienstag, 20. Januar, um genau zu sein), künstlerisch offiziell eröffnet. Nun da sich die ökonomische Krise verstärkt, bildeten Kreativität und Innovation den Schlüssel zur Stärkung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit, erklärt die offizielle Webseite des Jahres (create2009.europa.eu). Zum Jahr schreibt Deutschland unter dem Titel «Musik im Kopf» zum Beispiel einen Kompositionswettbewerb für Schüler aus (näheres dazu unter www.jmd.info). Genauso gibt’s aber ein Begleitprogramm zur Messe Biotechnica, mit dem Schüler dazu animiert werden sollen, auf Zukunftsgebieten in Ingenieurberufe einzusteigen.
Auch das Creativity World Forum (mehr dazu unter www.cwf2008.be) wird 2009 unter der Schirmherrschaft des europäischen Jahres der Kreativität und Innovation durchgeführt. Das Forum ist die jährliche Hauptaktivität des Internationalen Netzwerks «Districts of Creativity», einem 2004 gegründeten globalen Netzwerk kreativer und innovativer Regionen. Die Themen des diesjährigen Forums: Regionale Initiativen für Kreativwirtschaft und Kreativität sowie Innovationspolitik.
Zu den hier zusammengeschlossenen Regionen gehören: Flandern (Belgien), Baden-Württemberg (Deutschland), Rhone-Alpes und Nord Pas de Calais (Frankreich), Lombardei (Italien), Katalonien (Spanien), Schottland, Tampere (Finnland), Oklahoma (USA), Quebec (Kanada), Karnataka (Indien) sowie Shanghai und Qingdao (China).
Fehlt da nicht etwas? Gut, wir Schweizer können ja sagen, was kümmert uns Kreativität, was sollen wir mit Innovation, wir gehören ja nicht zur Europäischen Union, und müssen deshalb nicht jede Schnapsidee unterbeschäftigter Brüsseler Funktionäre mitmachen, und wenn wir schon mal nicht dazu gezwungen sind, die Ideen der Union autonom nachzuvollziehen, könnten wir ja gerade in diesem Fall mal ein Exempel statuieren und aller Welt zeigen, dass wir nicht im Gleichschritt mit der kontinentalen Gemeinschaft mitmarschieren: Verzichten wir also demonstrativ auf Kreativität und Innovation! Kostet ja doch nur und verhilft bloss ein paar linken Gutmenschen zu Staatsaufträgen und ein paar Kultur-«Experten» zu lukrativen Beraterhonoraren.
Die «Weltwoche» könnte dazu ja ein Titelbild kreieren, auf dem jemand mit Kreide auf eine Wandtafel «La créativité n’existe pas» geschrieben hat und die Ausgabe mit Essays mehr oder weniger bekannter Publizisten vollfüttern, die zeigen, dass Kreativität und Innovation masslos überschätzt sind (Christoph Mörgeli würde vermutlich eine bissige Kolumne beisteuern, in der er darauf hinweist, dass Schweizer Qualität in erster Linie darin besteht, in die Hände zu spucken und anzupacken, statt wie die Staatskünstlerin Pipilotti Rist charakterlos zu schwadronieren und dafür die hohle Hand zu machen).
Die NZZ könnte in der Wochenendbeilage dafür einen metapherngetränkten Aufsatz Peter Sloterdijks veröffentlichen, der nahelegt, dass Cäsar den Helvetiern bereits 58 v.Chr. in der Schlacht von Bibracte jegliche kreativen Impulse ausgetrieben hat und die Nation seither an einem bloss schlecht verdrängten kollektiven Trauma der Innovationsverweigerung leidet, das sich in einem obsessiven Zwang äussert, aus Käse Geld zu machen.
Aber wir wollen gerecht sein, es tut sich in Sachen Innovationsförderung auch in der Schweiz etwas: Soeben hat die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Ständerates sich dafür stark gemacht, als Konjunkturmassnahme die Strukturen der Innovationsförderung zu erneuern und besser zu alimentieren. Die KTI, die Förderagentur für Innovation des Bundes, soll zudem mehr Geld erhalten.
Auch in Sachen Kulturförderung tut sich mit Blick auf die Europäische Union etwas: Die Schweiz soll weiterhin am Filmförderprogramm Media der EU teilnehmen. Bloss die Einsicht, dass das eine mit dem andern etwas zu tun hat und Kulturförderung eben auch Teil der Innovations- und damit Wirtschaftsförderung ist, hat sich in den Köpfen der Schweizer Politiker noch nicht richtig festgesetzt. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
