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02.11.2012 — Die Europäische Kommission (EC) unterhält ein neues Programms für die Kultur- und Kreativbranche – es trägt den Titel «Kreatives Europa». Die bestehenden Programme Kultur und Media (Kino) sollen zusammengefasst und damit, so die offizielle EU-Sprachregelung, «gestärkt werden». Die Zahlen sprechen da für sich: Zwischen 2014 und 2020 verfügt das Programm über ein Budget von insgesamt 1,8 Milliarden Euro. Im «Vergleich mit den derzeitigen Förderhöhen» bedeute dies einen Anstieg von 37 Prozent, schreibt die EC. Das Programm wird 8000 Kulturorganisationen unterstützen und dazu beitragen, dass hochgerechnet 300’000 Kunstschaffende und Fachleute aus dem Kulturbereich ihre Werke international zeigen können.
Die EC plant darüberhinaus ein Darlehensgarantieprogramm (es leistet Ähnliches wie die schweizerischen Bürgschaftsgenossenschaften), um die Vergabe von Bankdarlehen an kleine und mittlere Unternehmen in der Kulturbranche zu fördern.
Einer der Schwerpunkte des Programms soll die Publikumsentwicklung sein. «Wir müssen mehr tun, um die Öffentlichkeit in die europäische Kultur einzubringen und die Vielfalt zu wahren», zitiert die EU-Pressemeldung Androulla Vassiliou, die EU-Kommissarin für Bildung und Kultur. Das tönt wie eine Contradictio in adjecto, denn europäische Kultur ist ja das, was aus dem Bedürfnis der Bürger wächst. Was man ihnen «einbringen muss» wäre eher etwas, was von aussen oder oben befohlen wird. Wir wollen Frau Vassiliou aber nicht mit Spitzfindigkeiten das Leben schwer machen.
Eines der Musterbeispiele, das von der EC gefördert wird, ist das «European Network for Opera and Dance Education», kurz «Reseo». Es hat in 21 Ländern 79 Mitglieder und wird 2012 mit der Summe von 51’000 Euro unterstützt. Schweizer Mitglieder sind – nein nicht das Zürcher Opernhaus, das Lucerne Festival oder das Basler Theater – die Jeune Opéra Compagnie aus La Chaux-des-Fonds und das Genfer Opéra-Théâtre, also Truppen aus der eher europafreundlichen und etatistischeren Welschweiz. Auch das lassen wir mal so stehen.
Was uns auffällt, ist eine Grundsatzfrage, welche die Reseo-Leiterin Katherine Heid stellt: «Viele Opernhäuser haben ein Publikum. Die Frage aber ist: Wollen sie ein kritisches Publikum?» Es gehe Reseo denn auch nicht primär darum, die Umsätze an den Opernhauskassen zu erhöhen.
Da zeigt sich zwar noch einmal das grundsätzliche Problem, dass sich kritische Einstellung nicht von oben verordnen lässt. Aber es trifft ein allgemeines Unbehagen gegenüber allen Versuchen, neues Publikum für alte Angebote zu gewinnen: Man kann den Verdacht hegen, dass es da nicht um eine lebendige ästhetische Auseinandersetzung mit den eigenen Lebenswelten geht, sondern darum, wie der Sämann Arepo das Werk im Umlauf zu halten.
Und was, wenn die Kritik des Publikums vor allem darin besteht, festzustellen, dass Oper keine zeitgemässe Kunstform mehr ist und der Auseinandersetzung nicht mehr lohnt? Hätte Reseo den Mut, die Rolle der Liquidatorin zu übernehmen? (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
