Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Künstler als Eidg. Ehrenbotschafter

Von Wolfgang Böhler

 

16.01.2012 — Es geht mal wieder auf die Session im Bundeshaus zu. Der Auftakt fällt mit dem Zibelemärit zusammen. Da wird in frühmorgendlicher Kälte und Dunkelheit eine Menge Gebündeltes präsentiert, das sein Inneres bloss offenbart, wenn man sich durch mehrere Schichten Verpackung hindurchgearbeitet hat. Endlich am Ziel angelangt, kommen einem dann doch nur die Tränen. Das wird die Parlamentarier unweigerlich an die kiloschweren Materialien erinnern, mit denen sie vor Sitzungsbeginn eingedeckt werden. So sind sie schon mal richtig eingestimmt, Berns Marktbräuchen zum Dank.

Der Versuch, in den Sessionsprogrammen Anliegen der Kultur zu finden, erweist sich als Suche nach der Heunadel im Steckhaufen (uups…). Es gibt nämlich in der Schweizer Politik zur Zeit Wichtigeres zu besprechen, etwa die Lücke zwischen militärischer und ziviler Chauffeurausbildung, die Gleichstellung des Kitesurfens mit anderen Wassersportarten oder der Adressdatenaustausch zwischen Einwohnerregistern, Post und anderen Dateninhabern. Das ist sie, die faktische politische Realität, entgegen anderslautenden Themensetzungen in den Publikumsmedien.

Ein Kommissions-Vorstoss sticht dann doch noch ins Auge, weil er einmal mehr den absolut und total vergeblichen Versuch wagt, unseren intellektuellen Leistungsträgern doch noch etwas gouvernementalen Glamour zu verleihen. Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrates möchte den Bundesrat beauftragen, schweizerischen Wissenschaftlern, Künstlern, Unternehmern und Sportlern die Möglichkeit zu geben, sich mit einem «Ehrenbotschafter»-Titel zu schmücken und so Zugang zur Diplomatie zu erhalten.

Der Bundesrat sieht dazu keine gesetzliche Grundlage und zweifelt implizit auch an der «Swissness» eines solchen Titels. Um das Potenzial von Schweizer Persönlichkeiten nutzen zu können, schreibt er, sehe das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten vor, einen «Klub der Imagebotschafter der Schweiz in der Welt» zu schaffen. Dessen Mitglieder würden keine offiziellen Titel und Privilegien erhalten, würden aber in die Aktivitäten zur Förderung des Images der Schweiz im Ausland eingebunden.

Künstler als Sonderbotschafter der Schweiz? Man stelle sich mal Pipilotti Rist mit zwei verschiedenen Ringelsocken, Wuschelhaaren und rosaroter Brille beim Fototermin mit dem chinesischen Staatspräsidenten vor, oder Roman Signer mit Knallpetarden und Schutzhelm im Gruppenfoto mit Barroso, Hollande, Monti und Merkel. Okay, die immer etwas griesgrämigen Herren Herzog und de Meuron (als einzige im Vorstoss als mögliche Kandidaten erwähnt) würden sich auf Ehrentribünen zwischen Funktionärs-Zweireihern und Gattinen-Deux-pièces vermutlich noch gut einfügen.

Ansonsten: Künstler und Denker als Ehrenbotschafter der Schweiz? Soviel guteidgenössische Maskerade und nationale Selbstverleugnung ist offenbar selbst dem Bundesrat zuviel. Er möchte das Postulat nicht entgegennehmen. Auch nicht von einem Ehrenbotschafter. (cf)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

Schreibe einen Kommentar