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13.07.2012 — Geht’s um die Wirkung ihrer Arbeit, haben Künstler und Politiker das gleiche Problem (siehe letztes Editorial). Grundsätzlich anders verhalten sie sich gegenüber dem Prinzip der wahrheitsgemässen Darstellung von Sachverhalten. Man könnte sagen, Künstler seien mit Blick auf diesen ethischen Aspekt Kantianer (oder versuchten es ihrer Berufsehre folgend zumindest zu sein), Politiker hingegen beinharte Utilitaristen, will sagen, Jünger Jeremy Benthams.
Echte Kunst sollte dem unbedingten Willen folgen, die Dinge so zu zeigen, wie sie wirklich sind, bequeme Selbsttäuschungen demaskieren und Tabus durchbrechen – gerade dort wo’s wehtut. Politiker hingegen werden einzig und alleine an dem gemessen, was sie materiell leisten, und da die Wählerschaft sich in ihren Erwartungen häufig widersprüchlich oder irrational verhält, bleibt ihnen nichts anderes, als die Dinge immer mal wieder zurechtzubiegen.
Man erinnert sich: Kant forderte, immer und jederzeit bei der Wahrheit zu bleiben, koste es, was es wolle. Die Pflichterfüllung steht für ihn vor der Neigung, was Friedrich Schiller zum Spottvers inspiriert hat: «Gerne dient‘ ich den Freunden, doch tue ich’s leider mit Neigung/Und so wurmt es mich oft, dass ich nicht tugendhaft bin.»
Der britische Philosoph Jeremy Bentham wiederum legte sich für den Zweck ins Zeug. Selbiger heilige die Mittel, oder: Nur das Resultat zählt, und wenn dieses die Summe des Glücks erhöht, ist der Weg dazu – selbst mit Lügen und Betrügen begangen – gerechtfertigt.
Jungspunde unter den Animaux politiques wehren sich zu Beginn ihrer Karriere häufig dagegen, Rollen zu spielen, sich PR-Kniffe anzueignen, Medientrainings zu machen, damit sie «besser rüberkommen». Wollen sie politisch überleben, bleibt aber auch den knorrigsten unter ihnen nichts anderes übrig. Wird es nicht zu ihrer zweiten Natur, Tatsachen «im besten Licht» erscheinen zu lassen und Fünf auch mal gerade sein zu lassen, landen sie auf den Hinterbänken. Die Wahrheit bleibt im Krieg als erstes auf der Strecke, sagt man. In der Politik lebt sie, ohne Aufenthaltsrecht, allerdings häufig auch in Friedenszeiten bloss von ein paar Fränkli Nothilfe.
Künstler verweigern sich der Öffentlichkeit demgegenüber gerne schon mal prophylaktisch, um auch nicht einen Hauch des Eindrucks zu erwecken, sie seien korrumpierbar. Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Die provozieren aber sofort die (nicht selten bigotte) Diskussion, ob es sich bei ihnen tatsächlich um «echte» Künstler handelt.
Das führt interessanterweise dazu, dass Künstler, die sich gesellschaftlicher Konvention gerne verweigern und sich als vogelfreie, nicht an Regeln gebundene Freibeuter verstehen, manchmal als grössere Moralisten erscheinen, denn die Politiker, und letztere, die sich Pflichterfüllung, Selbstbescheidung und Nüchternheit auf die Fahne schreiben, sich nicht selten den zweifelhaften Ruf von Exzessen getriebener, narzisstischer Genussmenschen einhandeln. Die Dinge sind eben komplizierter, als Volkssoziologie es sich erhofft. (cf)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
