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23.07.2010 — Pessimisten befürchten, dass es ernsthafte und hintergründige Kultur in den elektronischen Medien immer schwieriger hat und dass das Internet vor allem zu einer lärmigen, aufgeregten und überspannten Schwatzbude verkommt. Beides hat oberflächlich betrachtet etwas für sich, ist aber summa summarum falsch. Noch nie war das Kulturangebot in den elektronischen und digitalen Medienkanälen so breit, hochklassig und anregend.
Wer Zugang zum Digitalfernsehen hat, wählt aus einer Fülle wunderbarer Spartensender wie ZDF Theater, ZDF Festival, BR Alpha, Arte, 3Sat, den gut gemachten Regionalangeboten SWF, NDR und so fort; im Internet lassen sich über die Webseiten der Sender praktisch à discretion Dokumentationen und Mitschnitte von Kulturereignissen abrufen, über Plattformen wie Medici TV kann an Festivals teilgenommen werden.
Dasselbe gilt fürs Radio; viele Formate des Schweizer Kultursenders DRS2 können zu einem frei wählbaren Termin aufgerufen oder als Audiodatei heruntergeladen werden. Das heisst, der Kulturkonsument wird nicht nur besser bedient, sondern es wird ihm auch wesentlich mehr Autonomie darüber zugestanden, wann er welche Angebote nutzen will. Youtube bietet überdies eine unglaubliche Fülle an historischen und aktuellen audiovisuellen Zeugnissen. Zahlreiche weitere Webangebote kommen dazu. Kulturinteressierte leben medial gesehen in paradiesischen Zeiten.
Etwas allerdings wird sich mit den neuen Distributionskanälen dramatisch verändern (oder es hat sich schon verändert): Das Zeitalter des linearen Medienkonsums dürfte mehr oder weniger vorbei sein. Kulturbeiträge werden viel gezielter genutzt. Und die können – siehe Youtube – über sehr lange Zeit in online einfach zugänglichen Archiven gelagert werden. Dies muss auch die Inhalte selber verändern.
Heute wird erwartet, dass Kulturbeiträge zum Zeitpunkt ihrer Ausstrahlung ein möglichst grosses Publikum erreichen – das Diktat der Einschaltquote gilt auch hier. Dazu müssen die Beiträge oberflächlicher, personalisierter und unterhaltender daherkommen, als es ihr Thema möglicherweise erfordern würde, weil auch die mediale Laufkundschaft berücksichtigt werden muss. Wer hingegen Beiträge gestaltet, die sich über eine lange Dauer an Nutzer richten, die zu Themen, an denen sie gerade interessiert sind, Materialien suchen, der muss die Materie fundierter, mehr in die Tiefe lotend und anspruchsvoller gestalten.
Vermutlich müssen deshalb künftig zwei Typen von Kulturbeiträgen für die elektronischen Medien produziert werden: populäre, leichtverdauliche, unterhaltende für die Sendezeiten, in denen das Massenpublikum adressiert wird, und hochkarätige, fundierte und anspruchsvolle, die von Beginn weg fürs Archiv gedacht sind. Deren Erstausstrahlung kann dann auch zu später Nacht- oder gar früher Morgenstunde erfolgen.
Die elektronischen Medien werden damit etwas von ihrer Funktion als Bündler der Aufmerksamkeit verlieren. Strassenfeger, die Grosseregnisse, die ein Volk oder eine Region auf den Zeitpunkt einer einzelnen Sendung vor dem kollektiven Lagerfeuer vereinen, wird es aber vermutlich so oder so kaum mehr geben. Sie dürften sich auf Sport-Ereignisse wie die Fussball-WM oder die Olympischen Spiele beschränken, die senderunabhängig das Masseninteresse synchronisieren.
Was dieses Fehlen von Brennpunkten für die Entwicklung des Kulturlebens und der kulturellen Identität einer Nation bedeutet, scheint noch weitgehend offen. (cf)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
