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09.08.2013 — Vergegenwärtigen wir uns einmal, wie das Feuilleton traditioneller Tageszeitungen funktionierte, als es seinen Namen noch verdiente. Das war natürlich abhängig von der Kulturproduktion (ein etwas technokratischer, aber angemessener Begriff). Da kamen gerade so viele Bücher auf den Markt, und es wurden gerade so viele Konzerte und Ausstellungen veranstaltet, dass Neuerscheinungen und Premieren in der Regel singuläre Ereignisse waren, um die sich in einem bestimmten Zeitfenster alles drehte. Die Feuilletons besprachen also alle mehr oder weniger zur gleichen Zeit dasselbe Buch, den gleichen Film oder die gleiche Uraufführung. So ergab sich ein kollektiver Diskurs. Das Feuilleton war ein Ort der kritischen Auseinandersetzung mit bedeutenden, tagesaktuellen Ereignissen. Das konnte auch elitären bis verschrobenen Charakter haben, es schien aber immer von einer gewissen Relevanz.
Tempi passati. Heute ist der Kulturteil der Zeitungen eine zufällige Anhäufung von Empfehlungen an den Leser zur Freizeitgestaltung, angereichert mit mehr oder weniger unterhaltsamen Texten mehr oder weniger bekannter Publizisten. Eine fokussierte Debatte ist nicht mehr zu erkennen und damit sind es auch keine argumentativen Entwicklungen mehr (es gibt Ausnahmen).
Möglicherweise genügt es ja, die Kulturberichterstattung als gehobene (?) Form des Lifestyle- und People-Journalismus zu verstehen. Allerdings werden sich die Diskussionen um Filme, Konzerte, Romane und so weiter vom Kulturteil der Zeitungen zu den Social-Media-Plattformen der Anbieter und zu unabhängigen Foren verlagern. Sie sind dort auch am richtigen Ort. Die Debatten werden weitergehen, einfach in spezifischen Communities ‒ eine selbstverschuldete Selbstauflösung einer journalistischen Gattung, aus der es keinen Ausgang gibt.
Das Feuilleton hat seine Rolle als disziplinenübergreifende, integrative Kraft mit dem Anspruch, Orientierungswissen zu vermitteln, bereits verloren. Der Kulturjournalismus wird auch seine Plattform in einer eigenen Rubrik eines allgemeinen Publikumsmediums, die über das je fachspezifische Publikum hinausgeht, verlieren. «Kulturjournalismus» wird es als solchen nicht mehr geben.
Als Kulturjournalisten noch solche waren, hatten sie den Status öffentlich wahrgenommener und respektierter Intellektueller. Künftig werden sie denjenigen von Nischenspezialisten haben, etwa so wie bislang Aviatikjournalisten oder Redakteure obskurer Hobbymagazine: Nerds, die sich einer bestimmten Liebhaberei verschrieben haben, über die sie alles wissen, wo sie jeden kennen und worüber sie jedes noch so obskure Detail im Kopf haben.
Was bleibt? Die Frage ist vielmehr, ist das «Mehr» nicht bereits heute eine Illusion? Man hat sich schon lange darüber ärgern können, dass einschlägige Internet-News-Aggregatoren, die als Indikatoren für Kommendes gelten können, die Rubriken «Politik». «Wirtschaft» und «Sport» kennen, nicht aber «Kultur», sondern bloss «Unterhaltung». Wenn man schon nur die gegenwärtige mediale Aufarbeitung von «Kultur»-Themen betrachtet, scheint die Rubrizierung allerdings ehrlicher, als ein Ehrentitel wie «Feuilleton» oder «Kultur» es wäre. Die Zukunft wird bloss faktisch bereits realisiertes noch konsequenter verorten. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
