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Kultur und Wirtschaft III: Fördermodelle

Von Wolfgang Böhler

 

14.08.2009 — Die gegenwärtigen Querelen rund um die Filmförderung des Bundesamtes für Kultur sind symptomatisch für einen Systemfehler, oder – etwas weniger wertend ausgedrückt – eine Lücke in der Bundeskulturpolitik. Die Grundidee der staatlichen Kulturförderung (mal abgesehen von ihrer mittlerweile längst überholten historischen Rolle als Instrument der geistigen Landesverteidigung) sollte die Finanzierung von Projekten sein, die ästhetisch wegweisend oder innovativ sind, aber finanziell nicht einträglich, weil sie das Publikum möglicherweise nicht nachvollziehen kann oder die Gruppe der Interessierten derart spezialisiert und klein ist, dass an eine kommerzielle Nutzung nicht gedacht werden kann. Es geht also um etwas Ähnliches wie in der wissenschaftlichen Grundlagenforschung. Wenn (meist rechtsbürgerliche) Politiker Sinn und Zweck solcher Förderungen in Frage stellen, so darf das Argument, man fördere am Publikum vorbei, nicht stechen. Dass Entscheide darüber, was als ästhetisch wegweisend oder innovativ betrachtet wird, schwierig zu begründen sind, ist ein Thema für sich. Es ändert nichts an der Tatsache, dass die Publikumsresonanz kein Kriterium für die Förderung sein darf.

Etwas ganz anderes ist die Gewährleistung der Qualität und Wettbewerbsfähigkeit publikumsorientierter Produktionen. Deren Unterstützung dürfte nicht Teil der gleichen Förderung sein, sondern müsste im Rahmen einer spezialisierten Wirtschaftsförderung sichergestellt werden. Ästhetische Relevanz und Publikumsbedürfnisse schliessen sich als Förderkriterien nämlich genauso gegenseitig aus wie Erkenntnisbeförderung und die Befriedigung von Konsumbedürfnissen. Kriterien fürs eine suchen stört den Prozess des Kriterien-Suchens fürs andere.

Wenn das BAK Publikumsresonanz als Kriterium seiner Gunstbezeigungen betrachtet, begeht es philosophisch gesprochen eine Art Kategorienfehler. (In Sachen Musikförderung durch die Kulturstiftung Pro Helvetia scheint dies zur Zeit weniger der Fall zu sein, der Druck, sich unter dem Segel der Kulturförderung ebenfalls als Wirtschaftsförderer zu betätigen, scheint da aber unglücklicherweise auch zu steigen.) Verantwortlich dafür, dass das BAK Drall in diese Richtung zeigt, ist die mangelnde Kulturkompetenz der bürgerlichen Mitteparteien, die dort zur Zeit offenbar das Sagen haben und nach wie vor zu glauben scheinen, dass man nicht ökonomisch motivierte Kunst- und Kulturformen in die Mottenkiste überholter politischer Aufgaben packen muss, weil sie als Fortsetzung des Klassenkampfes mit andern Mitteln betrachtet werden. Das Argument ist natürlich kompletter Blödsinn.

Nun gibt es zwar eine Unternehmensförderung des Bundes (in Form der Förderagentur für Innovation KTI). Deren Fördermodelle sind für die Bedürfnisse der Kultur- und Kreativwirtschaft aber untauglich. Sie zielen im Wesentlichen darauf ab, Risikokapitalgebern schnell wachsende, kapitalintensive Firmen zuzuführen, die mit Patenten geschützte Hitec-Produkte mit hoher Rendite und möglichst schnellem Return on Investment in den Markt drücken.

Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft wachsen weder schnell, noch zeigen sie (in der Regel) eine hohe Rendite; sie sind auch nicht kapitalintensiv, und ein rascher Return on Investment ist von ihnen noch weniger zu erwarten. Dafür schaffen sie viele Arbeitsplätze, und sie garantieren dafür, dass der Nährboden stimmt, auf dem wertschöpfungsintensive Unternehmen erst wachsen können. Für die Sicherung der langfristigen Wettbewerbsfähigkeit des Landes sind sie mindestens so wichtig wie die Hitec-Firmen, welche die KTI zur Zeit im Fokus hat.

Die Lücke in der Bundespolitik sind also Anreize für auf langfristigen Erfolg angelegte, mit vergleichweise kleinen finanziellen Beiträgen arbeitende Formen des Risikokapitals. Sie müssten von Investoren unterhalten werden, die auf der einen Seite mit den speziellen Regeln der Kultur- und Kreativwirtschaft vertraut und bereit wären, sich auf Geschäftsprozesse einzulassen, die von der besonderen Mentalität kreativer Köpfe geprägt sind. Auf der andern Seite müsste man von ihnen erwarten können, dass sie in Sachen Professionalität, Originalität und Marktreife nichts Unausgegorenes zulassen würden.

Ganz anders der gegenwärtige Zustand der Förderung: Wenn Kulturförderer sich als Wirtschaftsförderer gebärden (müssen), wird man den Eindruck nicht los, dass immer mal wieder auf halbem Weg stehengeblieben wird, weil es halt doch allzu familiär zu und her geht und weil nicht mit eigenem, sondern fremdem (nämlich Steuer-)geld gespielt wird. Die Gewinne werden da personalisiert, die Verluste verstaatlicht. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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