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Kulturförderung für Stadt und Land

Von Wolfgang Böhler

 

03.05.2013 — Nach der «Salle modulable»-Euphorie und dem Katzenjammer als Folge des Scheiterns des Grossprojektes hat Luzern offensichtlich zur realistischen Kulturpolitik zurückgefunden. Statt so absurde Ideen zu portieren wie eine Schliessung des Stadttheaters zugunsten unsicherer privater Initiativen wird eine Gesamtstrategie angedacht, die unter anderem die sogenannte Hochkultur – repräsentiert vom KKL – mit der populären – dem Leuchtturm Verkehrshaus – zusammenfasst und in der auch der Ausgleich zwischen Stadt und Land, respektive Kanton, eine wichtige Rolle spielt. Stadt und Kanton planen, «ihre parlamentarischen Vorlagen zur Kulturförderung gleichzeitig zu veröffentlichen, weil sie inhaltlich eng zusammenhängen und aufeinander abgestimmt sind», heisst es in einer aktuellen Medienmitteilung. Voraussichtlich im Januar 2014 sollen die Parlamentsdebatten darüber stattfinden.

Im Spannungsfeld zwischen Metropole und Kulturleben abseits der urbanen Schmelztiegel finden sich auch Basel-Stadt und Baselland, Bern und sein Umfeld, ja sogar Gegenden wie das Saanenland, wo immer mal wieder die Bedürfnisse urbaner Touristen mit denjenigen der ländlichen lokalen Bevölkerung kollidieren.

Interessanterweise scheinen die Reibungsflächen ausgerechnet im Fall Zürichs eher klein zu sein. Der Finanzmetropole wird immer wieder gerne arrogante Selbstbezogenheit angedichtet. Die Zürcher Landbevölkerung scheint aber (wie das – Irrtum vorbehalten – der Politgeograf Michael Herrmann in einem TV-Talk einmal expliziert hat) auf sein städtisches Zentrum stolz zu sein. Nur so lässt sich erklären, dass seit langem weit über 80 Prozent des kantonalen Kulturbudgets ins ausgesprochen urbane Opernhaus fliesst, ohne dass sich im Hinterland spürbarer Widerstand regen würde.

Der Stadt-Land-Konflikt ist in seinem Kern ein solcher überholter Wertevorstellungen und Klischees urbaner Kulturschaffender. Diesen zufolge sind die links-grün dominierten urbanen Zentren die Motoren der Innovation, der gesellschaftlichen Offenheit und der Kreativität, wohingegen im bürgerlich geprägten ruralen Hinterland Stillstand, Nostalgie, Abschottung und Intoleranz regieren. Hie experimentelles Theater, Jugendkultur, kreative Exzesse, Nachtleben und Toleranz, da Musikantenstadl, Altersheime, starre Rituale, Friedhofsruhe und Anpassungsdruck. Beide Klischees sind falsch.

Vergegenwärtigt man sich Entwicklungsprozesse in ländlichen Gebieten über die letzten paar Dutzend Jahre, stellt man fest, dass auch da immer alles in Bewegung ist. Die Prozesse laufen einfacher anders und möglicherweise langsamer ab als in den Städten. Ländliche Gesellschaften setzen der ungezügelten Veränderung möglicherweise Grenzen, produzieren aber dank ihrem Gemeinschaftssinn auch deutlich weniger soziale Verlierer als die gesellschaftlichen Experimente in den Städten.

Das ist auch sehr, sehr viel wert. Man geht kaum fehl, wenn man das innovative Potential der Landregionen nicht als geringer einschätzt als dasjenige der Städte, die dadurch verursachten Kollateralschäden aber als eher geringer einschätzt.

Ausgleich zwischen Stadt und Land in der Kulturförderung darf nicht darin bestehen, typisch urbane Entwicklungen in den Städten abzutemperieren, «um das ländliche Umfeld nicht zu irritieren» und sich beim Land anzubiedern, damit dieses bereit ist, die Zentrumslasten finanziell mitzutragen. Sie muss darin bestehen, typisch ländliche Kreativität aufzuwerten und ihr ihre Ressourcen an ästhetischem Know-how zuzugestehen. Damit können eigenständige Entwicklungen angestossen werden – möglicherweise etwas «bürgerlichere» als der Szenen-Chic der Städte. Aber was soll daran schlecht sein? (cf)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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