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Kunst und Religion I: magisches Denken

Von Wolfgang Böhler

 

01.07.2011 — Da liest man mal wieder, ein Ölgemälde habe für 20 Millionen Euro den Besitzer gewechselt. Und denkt sich: Da muss einer ja schön blöd sein. Was den Wert des Bildes ausmacht – die Art der Gestaltung, die ästhetische Aussage, die Lösung eines Problems der Darstellung, die Analyse eines expressiven Moments (wählen Sie aus) –, kann man nicht kaufen, dafür handelt man sich für die zwei Mal zehn Milliönchen eine Unmenge an Problemen ein. Sichere Aufbewahrungsorte kosten, Konservierung kostet, Diebstahlsicherungen kosten, Versicherungen kosten, Begehrlichkeiten der Kunstwissenschaft kosten, Expertisen kosten und das Auktionhaus will auch noch seinen Batzen.

Weshalb setzt sich jemand all dem aus, ohne durch den simplen physischen Besitz des Objektes einen Mehrwert an Erkenntnis und ästhetischem Vergnügen zu erhalten? Weil Kunstobjekte (genauso wie der Event, das Gegenstück mit Blick auf Theater und Konzert) die letzten Fetische oder Reliquien einer ansonsten aufgeklärten Welt sind. Man glaubt, in den Dingen, die an einer Art Basel oder in einer urbanen Galerie verscherbelt werden, im Ritual eines Theaters oder einer Uraufführung sei die magische Kraft eingeschlossen, mit der sie der seherisch begabte Künstler aufgeladen habe.

Der Millionen-Schinken an der Wohnzimmer-Wand hat im Grunde genommen keine andere Funktion als der mystisch in die Morgensonne deutende Indianer in Spritztechnik, der im Tattoo-Shop um die Ecke für ein paar Fränkli abgezügelt worden ist.

Künstlern wird (zumindest hierzulande) nach wie vor eine Art spezieller Blick für die Realitäten und ihre verborgenen Wirkkräfte zugeschrieben. Sie sind in aufgeklärten Gesellschaften die Überreste einer Priesterkaste. Anders lässt es sich nicht erklären, dass dasselbe Bild im Wert um das zehnfache oder gar hundertfache steigt, wenn es zuverlässig einem bestimmten Maler zugewiesen werden kann.

Künstler sind die letzten verbliebenen Propheten, die Faktenkenntnis und Kompetenz bei der Erklärung der Welt nicht beweisen müssen. Das macht den Beruf des Schriftstellers oder bildenden Künstlers so anziehend: Künstlertum macht einen grösser, als man ist. Schriftsteller und Künstler können sich in bedeutungsschwangeren Werken zu allem und jedem äussern, strahlen dabei Autorität aus und erfahren Aufmerksamkeit.

Ein Fachmann (oder eine Fachfrau) auf einem Gebiet mit wissenschaftlichem und nicht künstlerischem Anspruch muss sich den Ruf eines kompetenten Kommentators mühsam erwerben, durch Kontiunität, unter Beweis gestellte Fakten- und Strukturkenntnis und kontinuierlich korrekte Deutungen von Sachverhalten. Künstler hingegen sind die letzten Seher der modernen Welt.

Die Deutungskraft von Kunst wird überschätzt. Der Mehrwert, den Kunst gegenüber nüchternen Betrachtungsweisen der Welt bietet, ist die Fähigkeit, Aussagen elegant, sinnlich, eindringlich, fassbar sowie syntaktisch, semantisch und metaphorisch dicht zu gestalten. Das ist schon viel. Die magische Deutungskraft, die ihr nach wie vor – historisch als Ausläufer der Kunst als Religionsersatz nach der Aufklärung – zugeschrieben wird, beschädigt ihren Ruf hingegen mehr und mehr. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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