12.11.2007 — Nicht immer widerspiegeln Mass und Gewicht eines Buches dessen inneres Format – im Fall des Lexikons der Orgel aus dem Laaber-Verlag tun sie dies. Über 2,6 Kilogramm wiegt der Foliant, und seine mehr als 900 Lexikonformat-Seiten ergeben einen imposanten Rücken von 7 Zentimetern.
Auch einige inhaltliche Charakteristika sind in Zahlen zu fassen: 111 Fachleute haben unter der Leitung der beiden Herausgeber Hermann J. Busch und Mattias Geuting in mehrjähriger Arbeit Artikel zu 988 Namen und Stichwörtern verfasst. Das Ziel dieses Grossunternehmens war, wie im Vorwort zu lesen ist, «ein differenziertes Bild der Orgel und ihrer Geschichte zu zeichnen – von den Anfängen in der Antike bis hin zur aktuellen Gegenwart».
Im Unterschied zu Publikationen mit Bereichen des gleichen Gegenstands – Handbuch Orgelmusik von Faber/Hartmann (Bärenreiter/Metzler 2002), Lexikon Orgelbau von Bosch/Döhring/Kalipp (Bärenreiter 2007) und Reclams Orgelmusikführer (Lukas 1986/2002, 7. Aufl.) – vereinigt das Lexikon der Orgel erstmals und weit ausgreifend alle relevanten Aspekte zum Thema in Sach- und in Personenartikeln. In konzentrierter Art erläutert sind Begriffe aus Orgelbau (die instrumentenkundlichen Beiträge berücksichtigen auch Nebenlinien wie Wasserorgel, Regal, elektronische Orgel, Kinoorgel, Oskalyd, selbstspielende Orgeln), Orgelmusik und Orgelspiel, und vorgestellt werden Komponisten, Orgelbauer und Orgelbaudynastien, Interpreten und Wissenschaftler.
Übergeordnete Themenkreise umfassen Orgel-Epochen von der Antike bis zur Gegenwart, kompositorische Gattungen, Interpretationsprobleme, pädagogische, architektonische und akustische Fragen, traditionelle und neue Spieltechniken, Städte, Regionen und Länder, die für Orgelbau und Orgelmusik von Bedeutung sind. Ausserdem finden sich Abhandlungen zum liturgischen Orgelspiel, zu Orgelreformen, neuer Orgelmusik, zu Orgelbewegung, Orgeldenkmalpflege und Orgelschulen, zu gesundheitlichen Seiten des Orgelspiels, überdies zur Rolle der Orgel im Nationalsozialismus und in der Synagoge.
Auf die Benutzerfreundlichkeit ist sichtbar Wert gelegt worden: durch das (in einem Lexikon unübliche, aber hilfreiche) Artikelverzeichnis am Anfang, durch den zweispaltigen Satzspiegel, die gediegene Typografie, die vielen Verweispfeile. Und inhaltlich durch klare Formulierung, durch die den Artikeln angehängten Listen (Werke, Schriften, Ausgaben, Neubauten, Restaurierungen), durch Auswahlbibliografie und Glossar sowie eine Zusammenstellung von Museen und eine Auswahl an Webseiten, die sich orgelspezifischen Themen widmen.
Die Balance zwischen dem Anspruch auf möglichst einlässliche und allgemeinverständliche Darstellung und dem Gebot knapper Fassung ist in den Sachartikeln in idealem Mass erreicht worden. Bei den Komponisten- und Organistenartikeln entschieden sich die Autorinnen und Autoren ebenfalls für den richtigen Weg: Sie verknappten die (ohnehin in vielen Lexika ausgebreiteten) biografischen Fakten zugunsten werkbezogener Informationen (ästhetische, analytische, spieltechnische, aufführungspraktische). Wie zu erwarten, steht Johann Sebastian Bach obenan (9½ Seiten), gefolgt von Franck, Frescobaldi, Mendelssohn, Messiaen, Reger, Rheinberger und Tournemire mit 4 bis 4½ Seiten. Nicht vergessen sind neben den Meistern und Kleinmeistern aus aller Welt auch Aussenseiter und die wichtigen Sammlungen wie Buxheimer Orgelbuch, Codex Faenza, Fitzwilliam Virginal Book, Robertsbridge Codex.
Prominenten Raum nehmen die Orgelbauer beziehungsweise Orgelbaufamilien ein: Biografische Notizen, Werkstattgeschichte und Besonderheiten ihrer Instrumente vor dem Hintergrund der jeweiligen Epochen sind ergänzt mit Angaben zu Standort, Grösse und Erhaltungsgrad der Orgeln.
In den Textteil integriert finden sich Fotos, Zeichnungen und technische Skizzen, im Bildteil am Schluss Farbabbildungen, darunter die Prospekte bedeutender Orgeln samt genauer Disposition der Werke.
Was die beiden Editoren als «summarischer Blick auf das Phänomen Orgel in seinen unzähligen Facetten» bezeichnen, erweist sich als kompetentes Nachschlagewerk und spannendes Studienbuch von beeindruckender Breite und Tiefe des Stoffs, reich durchsetzt mit Anregungen für entdeckungsfreudige Instrumentalisten, Pädagogen, Kirchenmusiker und Amateure. (ws)
Lexikon der Orgel. Hrsg. Hermann J. Busch und Matthias Geuting. Orgelbau, Orgelspiel, Komponisten und ihre Werke, Interpreten. 906 Seiten mit 148 z. T. mehrfarbigen Abbildungen. Laaber-Verlag, Laaber 2007. € 128,– (Subskriptionspreis bis 30.6.2008, danach ca. € 148,–). Fr. 216.–.