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06.11.2009 — In der Schweizer Kulturpolitik zeichnet sich schleichend ein vermutlich folgenreicher Paradigmenwechsel ab, und keiner scheint’s zu merken. Man kann etwas polemisch von einer Amerikanisierung des Kulturlebens sprechen, eingeleitet von der Stadt Luzern. Im modernen liberalen Bundesstaat waren die städtischen Kulturinstitutionen Kunstmuseum, Konzertsaal und Stadttheater so etwas wie die Fortsetzung der Politik im Rathaus mit andern Mitteln. Sie waren Gemeindegut (und sind es vorläufig noch), dienten der kulturellen Grundversorgung und wurden aufgrund demokratischer Willensbildung gebaut und mit Betriebsmitteln versehen.
Der Luzerner Stadtrat schlägt in einem soeben veröffentlichten Bericht vor, das Luzerner Stadttheater zugunsten der geplanten, von privater Seite initiierten und finanzierten Salle modulable aufzugeben. Dies ist ein Paradigmenwechsel, der Signalwirkung haben dürfte. Er leitet im Grunde genommen einen tiefgreifenden Wandel weg vom kommunalen Kulturverständnis eines rheinischen Kapitalismus’ hin zu einem amerikanischen Modell der spendablen vermögenden Sponsoren ein. Letztere bestimmen ennet des grossen Teiches mit ihren ästhetischen Vorlieben, was in einer Stadt an Kultur sichtbar und wichtig sein soll. Angesichts des kulturpolitischen Klimas in der Schweiz steht zu befürchten, dass der Wandel sich unbemerkt vollzieht, ohne dass die dazu bitter notwendige Grundsatzdiskussion geführt wird.
Unseres Wissens wäre es das erste Mal, dass die Schicksale eines städtischen Theaters oder Opernhauses privaten Initiativen – deren Geldgeber nach wie vor in der Anonymität bleiben (!) – überlassen werden. Schon die Bemühungen darum, Luzern als Musikstadt zu positionieren, entspringen ja nicht einem politischen Willensprozess, sondern der Tatsache, dass das privat organisierte Lucerne Festival starke Eigendynamik entwickelt hat. Die städtischen Institutionen Sinfonieorchester, Musikschule und Konzertlokale werden ihm mehr und mehr untergeordnet.
Wenn man Kulturpolitik als Wirtschaftspolitik begreift – vieles spricht dafür, dies zu tun –, dann ist nichts dagegen einzuwenden, dass sich eine Region wie im Falle Luzerns als Folge freiheitlicher wirtschaftlicher Dynamik als Kulturort positioniert und dass sie dies nach den gleichen Regeln tut, wie sich eine andere Region als Zentrum der Textilindustrie oder der Uhrmacherei versteht.
Natürlich wird davon aber die Idee des Service public berührt, denn das Kulturangebot gehört (im Gegensatz zu andern Wirtschaftsbranchen wie eben etwa der Uhrmacherei oder der Milchwirtschaft) in gewisser Hinsicht zur Grundversorgung des Volkes. Man wird also die gleichen Diskussionen über ihre Gewährleistung führen müssen wie im Falle von Bahn. Post oder Telefonie. Es ist abzusehen, dass den Kulturinstitutionen das gleiche Schicksal bevorsteht wie SBB und PTT. Dass «KKL» schon als Abkürzung auf ein ähnliches Schickal hindeutet, ist sicherlich nicht mehr als gut gekalauert; Luzern scheint in dieser Hinsicht aber zumindest eine Vorreiterrolle einzunehmen.
Der Luzerner Stadtrat ist sich des Problems durchaus bewusst. In dem Bericht schreibt er: «Angesichts der Tatsache, dass bisherige Theatersubventionen mindestens teilweise auf Angebote von Lucerne Festival übertragen werden könnten, ist abzuklären, welche Programmteile von Lucerne Festival den Charakter von Angeboten haben, die im öffentlichen Interesse liegen bzw. für die ein Leistungsauftrag der öffentlichen Hand besteht bzw. formuliert werden soll. Dies ist dann folgerichtig, wenn – wie beim Luzerner Theater – von einem Grundversorgungsauftrag für die Luzerner Bevölkerung gesprochen werden kann, von einem eigentlichen Service public, und wenn die Produktionen nicht primär kommerziellen Charakter haben.» Das ist purer kulturpolitischer Sprengstoff.
Gegen eine vermehrte Privatisierung des Kulturlebens ist unter Gewährleistung der Grundversorgung im Grunde genommen nichts einzuwenden. Wenn es aber tatsächlich dazu kommt, dass eine städtische Theaterpolitik durch eine von privater Initiative bestimmte Dynamik abgelöst wird, dann darf dies staatspolitisch unbedingt nur unter zwei Bedingungen geschehen: Erstens müssen die Geldgeber bekannt und die Finanzierungsstrukturen transparent sein. Es kann nicht sein, dass eine Institution wie die Salle modulable zum Teil der Grundversorgung eines kulturellen Service public gemacht wird, ohne dass nachvollziehbar ist, wer finanziell dahinter steht. Zweitens kann ein solcher Prozess nur aufgrund einer intensiven politischen Grundsatzdiskussion eingeleitet werden. Diese müssen in erster Linie die Kulturschaffenden selber ins Rollen bringen. (cf)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
