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Luzern und die globale Welt der Festivals

Von Wolfgang Böhler

 

31.08.2007 — Lucerne Festival hat den Bau eines flexiblen, innovativen und von künstlerisch höchst berufener Seite konzipierten Saales für Musiktheater und Kammermusik angekündigt (siehe Meldung). Der Traditionsanlass, der seine Akzente bislang – gezwungenermassen – auf die Orchestermusik legte, kann sich nach der bereits fürs Jahr 2012 geplanten Fertigstellung mit einem Programm positionieren, das auch die Oper, das moderne multimediale Musiktheater und verstärkt die Kammermusik umfasst. Mit andern Worten: Lucerne Festival wird mit den bedeutendsten Weltklasseanlässen seiner Art gleichziehen können. Diese zügige und visionäre Entwicklung machen private Geldgeber möglich. Dass sie anonym bleiben wollen, ist ein Schönheitsfehler, die Form von Diskretion ist für Kulturengagements aber durchaus üblich und weit weniger problematisch als Geldgeber im Medienbereich, die nicht mit offenem Visier antreten.

Das private Engagement ist ein Glücksfall. Dass Lucerne Festival die Stadtbehörden mit dem Projekt vor ein Fait accompli gestellt hat, mag auch bloss für Politiker jeglicher Couleur irritierend sein, die kulturelle Dynamik nur dann ertragen, wenn sie staatlich kanalisiert und gelenkt wird. Wie das Beispiel anderer Städte zeigt, werden dabei in nützlicher Frist selten wirklich überzeugende Lösungen gefunden.

Dennoch steckt in der privaten Finanzierung auch eine Gefahr: Genug Geld für das Sponsoring von internationalen Grossanlässen wie Lucerne Festival oder die Salzburger Festspiele haben Finanzinstitute und Grosskonzerne, die teils paranoid auf ihren guten Ruf achten, Freizügigkeit mit Blick auf einen hart kalkulierten Nutzen gewähren und nicht wie weiland die grossen kunstsinnigen Mäzene einfach aus echtem innerem Engagement für die Anliegen der Kultur Geld locker machen. Als Gegenleistung wünschen sie sich für ihre Kunden Gelegenheiten, die glamourösen Seiten der gesponserten Anlässe geniessen zu können. Dabei erhoffen sie sich oder erwarten sie auch gar explizit eine mediale Begleitung des Drum-und-Drans in Sachen Lifestyle und Society-Events.

Dies verstärkt in der Öffentlichkeit einerseits die Vorstellung, die klassische Musik und ihre «Dorfplätze» seien vor allem ein Teil der Luxusgüter- und Unterhaltungsindustrie. Andererseits wird der beunruhigende und aufwühlende Charakter von Kunst zum peinlichen Betriebsunfall: Provokationen, die sich aus ästhetischer Notwendigkeit einfach ergeben, von ihren Urhebern in der Regel nicht beabsichtigt sind, längere Zeit echte Irritationen auslösen und damit wirklich etwas bewegen, sind unberechenbar und damit bei Sponsoren etwa so beliebt wie Sportler, die sich ihre Marke zur Brust nehmen und dann als Dopingsünder entlarvt werden.

Die architektonische Aufrüstung in Luzern ist ein Symptom dafür, dass sich das Festivalgeschäft zusehends globalisiert und mehr und mehr in Spannungsfeldern zwischen Forderungen nach kalkulierbarem Markennutzen und irritierender ästhetischer Vitalität bewegt. Den Luzerner Verantwortlichen ist zu wünschen, dass sie in der Business Class des globalen Kulturdampfers wie bislang ein offenes Ohr für die materiell schwer greifbaren Anliegen der Musik haben werden. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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