03.10.2003 — Manfred Spitzer ist Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik Ulm; daneben ist er ein passionierter, experimentierfreudiger Musiker, der sich seine Instrumente gerne auch selber baut. Im Spektrum-Verlag ist ein Buch mit dem Titel «Geist im Netz» von ihm erschienen.
«Musik im Kopf» ist ein umfangreiches Lesebuch, das beinahe alle Aspekte der Musikpsychologie und -neurologie abdeckt, und dies auf kompetente und unterhaltende Art. Es ist in die vier grossen Themenbereiche «Musik hören», «Musik erleben», «Musik machen» und «Musik verstehen» unterteilt und spannt den Bogen von den antiken Kulturen über pränatale Tonerfahrungen bis zur Orchesterakustik und Musiktherapie. Jedes dieser Themen weiss Spitzer solide, aber locker und häufig amüsant abzuhandeln. Ab und zu fällt er dabei in einen Plauderstil, der ein wenig zur Geschwätzigkeit neigt, was man ihm aber gerne verzeiht.
Obwohl Spitzer über ein beinahe unerschöpfliches Wissen zu verfügen scheint, ist seine Perspektive doch eindeutig von der medizinischen Arbeit geprägt. So fehlen musiktheroetische Zugänge zum Thema Verstehen von Musik und klassische Beiträge zur Musikpsychologe in dem Buch beinahe vollständig. Wichtige Klassiker wie Carl Seashore, Ernst Kurth oder Geza Révész finden keine Erwähnung, von Musiktheroetikern wie Hugo Riemann, die wichtige Brücken zwischen Musiktheorie und Kognition schlagen, ganz zu schweigen.
Defizite zeigt Spitzer auch, wenn er etwas gönnerhaft, aber fälschlicherweise behauptet, Musikologen tendierten dazu, Emotionen aus der Musikbetrachtung auszuschliessen. Er übersieht dabei - vermutlich aus Unkenntnis der wissenschaftlichen Diskussion -, dass die Skepsis gegenüber dem Thema eine Folge differenzierter methodischer Grundlagendiskussionen ist. Die systematische Zurückhaltung resultiert ja gerade aus der Tatsache, dass sich viele Geisteswissenschaftler allzu euphorisch in nicht haltbaren emotionalen Ausdeutungen von Musik verlieren. Vor solchen Gefahren hat im 19. Jahrhundert bereits Eduard Hanslick gewarnt und die Diskussion reisst seither nicht ab, das Thema Emotion ist aber omnipräsent. Spitzer tappt denn naiverweise genau in die Falle, welche die Musikologen mittlerweile zu umgehen wissen: Er scheint davon auszugehen, dass der Begriff Emotion erst gar nicht der Erklärung bedarf. Das entsprechende Kapitel reiht in der Folge Skizzen zum Musikleben in Auschwitz, zu Wiegenliedern und zum Gänsehauteffekt zu einem beliebig wirkenden Reigen aneinander. Es ist zweifelsohne eines der schwächsten in dem Buch.
Trotz all dieser Einwände bleibt «Musik im Kopf» eine gute Einführung in die moderne Musikmedizin, verfasst von einem ausgewiesenen Fachmann, den nicht bloss abstraktes akademisches Interesse, sondern spürbar auch die Liebe zur Musik und zu den musizierenden Menschen zum Schreiben motiviert hat. (wb)
Manfred Spitzer, Musik im Kopf, Hören, Musizieren, Verstehen und Erleben im neuronalen Netzwerk, Schattauer, Stuttgart 2003, 468 Seiten, ca. 48 Franken