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Mehr Autonomie für Pro Helvetia?

Von Wolfgang Böhler

 

07.11.2008 — Der Nationalrat hat das Kulturförderungsgesetz weitgehend beraten. Für die Wintersession bleiben noch die Frage nach der Autonomie der Kulturstiftung Pro Helvetia und die Schaffung eines Kulturrates. Die Frage der Autonomie ist die interessantere. Historisch bedeutete das Autonomie-Zugeständnis an die Stiftung ein Schutz vor politischer Vereinnahmung. Schweizertum (oder wie man dem auch immer sagen soll) heute über eine gelenkte Staatskultur zu definieren, dürfte aber kaum mehr eine Versuchung darstellen. So etwas würde in dem aktuellen pluralistischen und individualistischen Landesgebilde schlicht nicht mehr funktionieren.

Die Autonomie hat heute also faktisch einfach zur Folge, dass die Entscheidprozesse darüber, was im Einzelfall förderungswürdig ist und was nicht, dem direkten politischen Einfluss entzogen sind. Damit geraten sie für die Politiker aus dem Blickfeld ihres Interesses und so auch aus der Diskussion in der Öffentlichkeit. In den Einzelentscheiden aber geht im Grunde genommen die Post erst richtig ab. Alles Drum und Dran wie in der Regel vage Richtlinien, die eben bloss im konkreten Förderentscheid Konturen gewinnen − etwa die Forderung nach «Innovation» oder «exemplarischer Bedeutung» − bleibt diesen gegenüber Politfolklore.

Den eigentlichen Knackpunkt der Frage, wie die Autonomie der Pro Helvetia sich in der Praxis äussert, stellen die personellen Besetzungen der Fördergremien und deren Entscheidprozesse dar. Einige Kulturschaffende wünschten sich denn auch einen deutlich ausgebauten Stiftungsrat unter Beteiligung ihrer Interessensverbände, um an diesen Prozessen partizipieren (und diese damit unter die eigene Kontrolle bringen) zu können.

Das Parlament wird sich wohl für das Gegenteil entscheiden: einen personell abgespeckten Stiftungsrat, der zudem selber den Direktor ernennen und die strategischen Ziele festlegen wird. Man kann für diese Wünsche allerlei staatspolitische Grundsatzüberlegungen vorschieben. Faktisch entspringen sie der Tendenz der Parlamentarier, Kultur als zu wenig gewichtig zu betrachten, um sich selber damit beschäftigen zu wollen. Angesichts der Qualität der Kulturdebatten in die nationalen Räten ist dies vielleicht auch nicht unbedingt zu bedauern.

Das Modell, das nach Aussagen von Pro-Helvetia-Direktor Pius Knüsel gegenüber Codex flores die Stiftung selber favorisieren würde, wäre ein Pool von rund vierzig Experten, von denen einer oder mehrere je nach Gewicht der Anfrage und Bedarf zur Beurteilung eines Fördergesuches abgerufen werden könnten. Dies, so Knüsel weiter, sei aber juristisch nicht umsetzbar. Für eine öffentliche Debatte der Förderpolitik könnte sich Knüsel durchaus erwärmen. Grössere Kommissionen würden, ergänzt er, allerdings nicht a priori bessere Entscheide zustande bringen. Man könne die Grundsatzdebatte nicht an jedem Entscheid über 2000-Franken-Beiträge neu führen. Das leuchtet natürlich ein.

In der Pro Helvetia würden, so Knüsel weiter, jedes Jahr eine, zwei Grundsatzdiskussionen im Plenum geführt. Dieses Jahr sei dabei die Volkskultur im Vordergrund gestanden, nun stehe die Debatte darüber an, wie Kultur besser vermittelt werden könne. Die Resultate würden in der Folge auf Abteilungsstufe umgesetzt. In der Stiftung, beteuert Knüsel, werde viel mehr diskutiert, als man glauben würde. Allerdings könne er auch nicht verneinen, dass eine vier oder sechs Jahre unveränderte Stiftungsratsgruppe nicht mehr ihre ursprüngliche Dynamik zeige. Deshalb sei Rotation angezeigt. Das neue Gesetz werde diese beschleunigen.

Codex flores geht davon aus, dass Pro Helvetia ihre alltägliche Arbeit bislang gewissenhaft und professionell erledigt und die Klippen der administrativen und politischen Rahmenbedingungen geschickt zu umschiffen verstanden hat. Wie dies im konkreten Alltag bewerkstelligt wird, kann in diesem Dossiertext nachgelesen werden. Er beschreibt im Wesentlichen zwei etwas komplexere und eher kritische Förderentscheide.

Der Wunsch von Codex flores wäre ein professionell agierender Stiftungsrat, der personell vom praktischen Kulturleben abgekoppelt wäre (also das obige Modell der Kulturschaffenden eben gerade nicht realisieren würde). Dazu bräuchte es allerdings spezialisierte Hochschulausbildungen. Da haben die akademischen Institutionen bislang versagt. Vor allem trifft dies auf die dafür eigentlich zuständigen Gebiete der Kulturphilosophie und -soziologie zu, die sich in den letzten Jahrzehnten vor allem in eitler Nabelschau gefallen und den Glauben an die Relativität aller Wirklichkeitsabbildung so weit getrieben haben, dass sie sich aus jeglicher gesellschaftlicher Verantwortung davonstehlen zu können glaubten.

Ein weiterer Wunsch von Codex flores wäre eine Datenbank, in der alle Unterlagen zu allen konkreten Fördermassnahmen und Einzelentscheiden öffentlich einsehbar wären. Es ist leicht vorstellbar, dass eine solche den Kulturdiskurs nachhaltig beleben (das heisst vor allem emotionalisieren) würde. Weshalb so etwas wohl immer ein Wunschtraum bleiben dürfte, wird unseren Leserinnen und Lesern nach der Lektüre des erwähnten Dossiertextes einleuchten. Vielleicht wäre aber eine solche zumindest für Gesuche denkbar, die grössere Beträge binden.

Ein dritter Wunsch unsererseits wäre die Definition von Programmen für die Kultur, wie sie der Schweizerische Nationalfonds für die Wissenschaft kennt. Mit «echos», «China 2008-2010» und «La belle voisine» hat Pro Helvetia ja bereits Ansätze dazu realisiert. Wir könnten uns aber über die darin definierten Promotionsaufgaben hinaus auch Programme vorstellen, die bestimmte ästhetische Grundfragen (etwa Computerspiele als Kunst, die Beziehungen zwischen Kunst, Sinnlichkeit und Neurowissenschaften oder moderne Materialien und künstlerische Gestaltung) aufgreifen würden. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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