27.08.2009 — Als «Best Biography of 2003» zeichnete die Association of American Publishers den Band «Mendelssohn. A Life in Music» des Musikwissenschaftlers und Mendelssohn-Forschers R. Larry Todd aus. Und dem zum Mendelssohn-Gedenkjahr 2009 nun in deutscher Übersetzung und in aktualisierter und leicht erweiterter Form vorgelegten neuen Standardwerk «Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein Leben – Seine Musik» hat die Jury des Deutschen Musikverleger-Verbands kürzlich einen von elf vergebenen Musikeditionspreisen «Best Edition» für herausragende Qualität zuerkannt.
Ein hoch gelobtes Buch also, das einzige, das Materialien zu Mendelssohns Leben und Schaffen in derartiger Fülle und auf dem aktuellen Forschungsstand versammelt und zudem überzeugt durch die professionelle Übersetzung, einnimmt durch Umsicht und Sorgfalt in Illustration, Typografie und Layout. (Allgemein heben sich die Editionen der Musikverlage ja schätzenswert ab von der Vielzahl lieblos auf den Markt geworfener Publikationen in anderen Bereichen.)
Dass es ein amerikanischer Professor ist – R. Larry Todd lehrt an der Duke University in Durham (North Carolina) –, der den Hauptteil seiner wissenschaftlichen Tätigkeit dem Deutschen Mendelssohn widmet, wirft ein Licht auf die verhaltene Wertschätzung des Komponisten in Europa. Die jüdische Herkunft wurde ihm, dem liberalen Protestanten, immer wieder vorgehalten, von Zeitgenossen wie Wagner und später von brutalen Antisemiten.
Ungewöhnlich die Mendelssohn-Rezeption: Berühmtheit und hohes Prestige von Jugend an (die früheste erhaltene Komposition stammt vom Zehnjährigen), Personenkult nach dem frühen Tod, dann ein jäher Niedergang des Ansehens. Judenjunge, arroganter Sonderling, pedantischer Formalist, sentimentaler Weichling waren einige der Schelten – spurlos vorbeigegangen ist dies an Mendelssohn trotz aller Bemühungen zu seiner Rehabilitation bis heute nicht. Ein weitverbreiteter Vorwurf im künstlerischen Bereich lautet auf «Oberflächlichkeit» und «mangelnden Tiefgang» seiner Musik. R. Larry Todd widerlegt Schritt um Schritt die Klischees und Fehlurteile, schafft die Voraussetzungen zu einem unvoreingenommenen, umsichtigen Verständnis von Mendelssohns Persönlichkeit und seinem Werk.
1809 bis 1847: Der Herkunft, der Familie (beigegeben sind die Stammbäume der Familien Itzig und Mendelssohn), dem Lebensweg, den Stationen und den Wirkenskreisen des Wunderkindes, Starpianisten, Komponisten, Dirigenten, Managers, Hochschulgründers, Altphilologen, Tagebuch- und Briefautors, Zeichners und Aquarellisten geht R. Larry Todd in chronologischer Folge Schritt um Schritt nach, in einzelnen Phasen die Ereignisse gar Tag um Tag schildernd. Gewiss setzt das bei den Lesenden nachhaltiges Interesse und einen langen Atem voraus; indes präsentiert der Autor einen so ausserordentlichen Reichtum an Fakten, Meinungen und Deutungen unter Einbezug der Forschungen anderer Wissenschaftler, an Selbstzeugnissen, Rezensionen, Aufsätzen, dass die Lektüre packt und hellwach hält.
Hand in Hand mit der einlässlichen Lebensbeschreibung – über die Familiengeschichte der Mendelssohns gibt der Prolog Auskunft – entfaltet der Autor in den drei Teilen (Frühreife Errungenschaften, 1809–1829; Die Straße nach Damaskus, 1829–1837; Der Wagen des Elias, 1837–1847) ein tief und breit gestaffeltes Panorama der Welt, in der sich Mendelssohn bewegte, von der er sich bewegen liess. Bevölkert ist sie durch Dutzende von Zeitgenossen, Lehrern, Kollegen und Freunden, Frauen, Musikern, Malern und Dichtern, Königen, Adeligen und Politikern; jene für Mendelssohn wichtigsten erhalten hier Raum für ihre Kurzbiografie.
Die historischen Ereignisse in Europa (Napoleon, Wiener Kongress, Entwicklung Preussens zur Grossmacht, Studentenbewegung, Karlsbader Beschlüsse, Erneuerung und Reaktion) sind ebenso resümiert wie das Kulturleben und die kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Situation in den Städten, wo Mendelssohn wirkte, die Restauration in Berlin und in Wien, die viktorianische Atmosphäre in London, der Umbruch durch die Industrialisierung, die sozialen Spannungen im Vorfeld der Revolutionen von 1848/1849.
Manche Akzente, die R. Larry Todd setzt, besonders bei Mendelssohns Reisen nach England, Schottland und Wales, verraten den profunden Kenner der (hier zahlreich in der Originalsprache zitierten) angelsächsischen Dokumente und der Rezeptionsgeschichte in England.
Eingebettet in den bewegten Fluss der Biografie mit all ihren vielen Verästelungen hat der Autor die Werkbesprechungen und musikalischen Analysen; begleitet sind sie von vielen Notenbeispielen. Dabei belässt er es nicht lediglich bei den populären Standardkompositionen, sondern widmet sich auch einer grossen Zahl unbekannter und unveröffentlichter Werke.
Ganz im Schatten des Bruders stand die Komponistin Fanny Mendelssohn, verheiratete Hensel, die vier Jahre ältere, gleichfalls 1847 gestorbene Schwester. Erst ein Jahr vor ihrem Tod gab ihr Bruder, wie sie es formulierte, «seinen Handwerkssegen» zur ersten Publikation eines ihrer Werke. R. Larry Todd (er arbeitet an einer Biografie von Fanny Hensel) gibt Mendelssohns Schwester und ihrem Schaffen nicht ohne kritische Distanz zur Haltung des Bruders Profil und Wirkung.
Im Anhang dieses umfassend und kulturhistorisch lebendig entworfenen Bildes Mendelssohns und seiner Epoche finden sich das Verzeichnis der Werke Mendelssohns (mit bzw. ohne Opuszahl, zudem die wichtigsten Bearbeitungen, Ausgaben und Schriften), das alphabetische Werk-Register, das Personen-, Orts- und Sachregister sowie das Literatur- und Abbildungsverzeichnis.
FELIX. Begleitband zur Berliner Ausstellung
Nach Mendelssohns Tod im Alter von 38 Jahren gelangten der Grossteil des kompositorischen Nachlasses, zahlreiche Briefschaften und andere Dokumente in die Königliche Bibliothek in Berlin, später in die heutige Staatsbibliothek zu Berlin. Diese Institution würdigte Mendelssohn im Frühjahr 2009 mit einer Ausstellung unter dem Titel «FELIX».
Der durchgehend farbig illustrierte Begleitband enthält einen Artikel zur Geschichte der Berliner Mendelssohn-Sammlung und Beiträge der Urgossnichte des Komponisten, Cécile Lowenthal-Hensel, und des Urenkels Thomas A. Walch. Anmerkungen zu Mendelssohns Schaffensprozess im Spiegel seiner Autographe trägt Ausstellungskurator Roland Dieter Schmidt-Hensel bei. Von ihm und seiner Kollegin Christine Baur stammt der durch Porträts, Zeichnungen, Aquarelle, Briefe und Konzertprogramme illustrierte Lebensweg Mendelssohns von der Jugendzeit in Berlin bis zu den letzten Jahren in Leipzig.
Im zweiten Teil des Bandes, dem ein Literaturverzeichnis begegeben ist, öffnen die beiden Kuratoren vielseitige Einblicke in das kompositorische Schaffen vom Lied- über die Kammer- und Orchestermusik bis zu Oper und Oratorium; dem Textteil auf der linken entspricht das dazugehörende Faksimile auf der gegenüberliegenden Seite.
Mendelssohn: The complete Masterpieces
Mendelssohn auf 30 CDs: Sony lässt sich im Gedenkjahr eines der herausragenden Komponisten des 19. Jahrhunderts nicht lumpen und versammelt aus dem eigenen Archiv und den Backkatalogen der Labels RCA, Arte Nova und Eurodisc in würfelförmiger Box 30 CDs unter dem Titel «The complete Masterpieces» mit dem Zusatz «Alle Meisterwerke Mendelssohns in Top-Interpretationen von Weltklassekünstlern». (Anmerkung: Vieles von Mendelssohn ist bis heute weder publiziert noch aufgeführt worden.)
Skeptiker vollmundiger Anpreisungen werden sich ob all der klingenden Namen und – entscheidender noch – dem Niveau der hier dokumentierten künstlerischen Leistungen besänftigen lassen: In Einspielungen aus dem Zeitraum von 1959 (eine Klavieraufnahme stammt von 1946) bis 2004 sind beispielsweise zu hören Barbara Bonney, Angelika Kirchschlager, Judith Raskin, Christoph Prégardien, Peter Schreier, Hans Peter Blochwitz, Isaac Stern, Leonard Rose und Eugene Istomin, Steven Isserlis und Melvyn Tan, Matthias Kirschnereit, Glenn Gould, Alicia de Larrocha, Vladimir Horowitz, Stefan Johannes Bleicher, das Henschel-Quartett, The Hannover Band (unter Roy Goodman), das Gewandhausorchester Leipzig (Masur, Blomstedt), die Bamberger Symphoniker (Flor), das Philadelphia Orchestra (Ormandy), das Boston Symphony Orchestra (Leinsdorf). – Mendelssohn aus vielen Köpfen, Kehlen und Händen: Ein nicht zu unterschätzender Vorteil dieser Kompilation sind die unterschiedlichen Interpretationsansätze und -stile.
Ein sicherer Wert zu wohlfeilem Preis, eine limitierte Edition als Schlüssel zu einem unlimitierten Hörabenteuer in Mendelssohns faszinierendem klingenden Kosmos.
Mendelssohns Briefe in 12 Bänden
Mendelssohn, der ein unglaubliches Arbeitspensum bewältigte, fand regelmässig Zeit für intensiv geführte Korrespondenz. Seine Briefe, die in ihrer Eleganz und Informationsvielfalt einen «literarischen Schatz von unvergleichlichem Wert» (so der Germanist Hans Joachim Kreutzer) darstellen, sind herausragende Zeugnisse einer vergangenen Kommunikationskultur.
Die umfangreiche Korrespondenz – sie beginnt 1816 und erstreckt sich bis in die letzten Lebenstage des Komponisten – beinhaltet Familien-, Reise- und Freundschaftsbriefe und den Briefwechsel mit bedeutenden Komponisten, Musikern und Verlegern. Berühmte Zeitgenossen wie Schumann, Liszt und Wagner, aber auch Goethe, Zelter und Alexander von Humboldt gehörten zu seinen Briefpartnern.
Der Bärenreiter-Verlag hat nun die Gesamtausgabe der Briefe an die Hand genommen. Sie schafft der Mendelssohn-Forschung ein neues, breites Fundament und fördert das Studium der Musik und des bürgerlichen Musiklebens im 19. Jahrhundert, öffnet für viele Zweige der Kulturgeschichte eine ergiebige Quelle: Sie bietet Material für familien-, bildungs-, geschlechter-, reise-, geselligkeits-, freundschafts- und stadtgeschichtliche Forschungen und nicht zuletzt für Studien über die Geschichte der Juden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Die wissenschaftlich-kritische Gesamtausgabe erschließt erstmals sämtliche etwa 5000 bekannten Briefe Felix Mendelssohn Bartholdys, von denen bislang nur ein kleiner Teil publiziert wurde. Die 12-Bände umfassende Gesamtausgabe basiert auf den Briefen, die Rudolf Elvers über Jahrzehnte hin angelegt hat, und auf der weltweit ausgerichteten Recherche der Leipziger wissenschaftlichen Arbeitsgruppe um die Editionsleiter Helmut Loos und Wilhelm Seidel, die zusätzlich etwa 500 bislang unbekannte Briefe eruieren konnte.
Mendelssohn-Werkverzeichnis (MWV)
Das einst schwindende Ansehen Mendelssohns lässt sich auch daran erkennen, dass die meisten seiner rund 750 Kompositionen in den 1960er Jahren noch unveröffentlicht waren. Und: Mendelssohn war der letzte grosse Komponist des 19. Jahrhunderts ohne vollständiges Werkverzeichnis.
2009 wird diese Lücke nun geschlossen. Der Katalog «Felix Mendelssohn Bartholdy. Thematisch-systematisches Verzeichnis der musikalischen Werke (MWV)», der Ende August im Rahmen der Leipziger Ausgabe der Werke Mendelssohns im Verlag Breitkopf & Härtel erscheinen wird, erschliesst das heute bekannte Œuvre in 26 Werkgruppen und ordnet den Kompositionen jeweils eine eindeutige MWV-Nummer zu.
Die Anordnung der einzelnen Kompositionen innerhalb der Werkgruppen erfolgt chronologisch nach der Zeit ihrer Entstehung. Zusätzlich aufgenommen wurden Beschreibungen aller bekannten Sammelhandschriften und Sammeldrucke. Im Anhang finden sich Informationen zu Werken zweifelhafter Echtheit und zu Mendelssohns Bearbeitungen bzw. Editionen fremder Werke.
Ralf Wehners Arbeit basiert auf jahrelangen Nachforschungen, bei denen Material und Informationen aus mehr als 1500 Bibliotheken, 15’000 Auktionskatalogen und 12’000 Briefdokumenten ausgewertet werden konnten. Im neuen MWV sind 2’500 handschriftliche Quellen verzeichnet, die unbekannte Werke und abweichende Fassungen von bekannten Werken betreffen.
Zitate aus R. Larry Todds Buch:
«Ich habe diese Biografie in der Überzeugung verfasst,dass eine Darstellung von Mendelssohns Leben vor allem dazu beitragen wird, Schichten der Rezeption abzutragen, die mehr über die Kanonisierung und Dekanonisierung von Komponisten durch vergangene Generationen verraten als über Mendelssohn selbst.» (Vorwort, Seite 22)
«In Mendelssohns [Konzert-]Programmen lässt sich eine Hauptlinie ausmachen, in der die Entwicklung deutscher Musik beginnend bei Bach und Händel über Mozart und Haydn bis zu Weber und Beethoven nachgezeichnet wird. Das Erkennen ausgeprägter historischer Stilrichtungen – Barock, Klassik und Moderne (= Romantik) – und ferner die Idee einer klassisch-romantischen Dialektik, die sich im intellektuellen Diskurs der 1830er Jahre entwickelte, bevor das Konzept allgemeine Anerkennung fand, manifestieren sich deutlich in Mendelssohns Programmzusammenstellung.» (Seite 406)
«Mendelssohns Leben imitierte in vielerlei Hinsicht die Kunst.» (Seite 194)
(ws)
R. Larry Todd: Felix Mendelssohn Bartholdy. Sein Leben – Seine Musik. Aus dem Englischen übersetzt von Helga Beste unter Mitwirkung von Thomas Schmidt-Beste. Mit 116 Farb- und Schwarzweißabbildungen und 339 Notenbeispielen. 798 Seiten. Carus-Verlag, Stuttgart / Reclam-Verlag, Stuttgart 2008. € 49,90. Fr. 83.90.
FELIX. Felix Mendelssohn Bartholdy zum 200. Geburtstag. Eine Publikation der Staatsbibliothek zu Berlin anlässlich der Ausstellung «FELIX» im Frühjahr 2009. Mit vielen Farbabbildungen. Ausstellungskataloge Neue Folge 53. Carus-Verlag, Stuttgart 2009. 176 Seiten. € 24,90. Fr. 46.90.
Mendelssohn: Sämtliche Meisterwerke. Box mit 30 CDs und 128-seitigem Booklet (engl. und dt.). Oratorien, Chor-, Orchester- und Konzertwerke, Kammer- und Klaviermusik, Orgelwerke, Lieder und Duette. (Limited Edition, Sony Music)
Felix Mendelssohn Bartholdy: Sämtliche Briefe in 12 Bänden. Herausgegeben von Helmut Loos und Wilhelm Seidel. Band 1, ca. 750 Seiten pro Band (jährlich erscheinen zwei Bände; die Ausgabe wird nur geschlossen abgegeben). Bärenreiter-Verlag, Kassel 2009 ff. Subskriptionspreis € 149,–. Fr. 268.– pro Band.
Ralf Wehner: Felix Mendelssohn Bartholdy – Thematisch-systematisches Verzeichnis der musikalischen Werke. Studienausgabe. Leipziger Ausgabe der Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Serie XIII, Band 1A. Verlag Breitkopf & Härtel, Wiesbaden. 684 Seiten. € 128,–. (Erscheint am 27. August 2009)