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Metzler Lexikon Avantgarde

25.09.2009 — Die «Speerspitze der Moderne», die künstlerische Avantgarde (die Vorhut, dem militärischen Sprachgebrauch entlehnt), hat das 20. Jahrhundert tief greifend geprägt, nachhaltig in vielen Gebieten mit ihren zahlreichen Ismen: Futurismus, Fauvismus, Kubismus, Konstruktivismus, Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus… weiland allesamt Bürgerschreck-Gespenster.

Das Manifest «Le futurisme» (Paris 1909) von Filippo Tommaso Marinetti markiert die Geburt des (italienischen) Futurismus; ebenfalls per Manifest ausgerufen wird der Surrealismus durch André Breton (Paris 1924). Nur wenige Ismen kommen in der Folge aus ohne Manifeste, Proklamationen und Aufrufe.

Das vorliegende Lexikon, das erste seiner Art in deutscher Sprache, bietet einen Überblick über das weite Feld der ästhetischen Avantgarde (bzw. Avantgarden), das «Geflecht von Gruppierungen, Bewegungen, Ismen, Strömungen, Tendenzen, von Einzelkünstlern, Galeristen, Verlegern, von Zeitschriften und Zeitungen mit dem Anspruch, nicht nur eine radikale Neuerung künstlerischer Formen und der einzelnen Künste zu bewirken, sondern zugleich eine gänzlich neue Auffassung von Kunst und eine neuartige Positionierung der Kunst in der Gesellschaft durchzusetzen» (Einleitung).

Von den Schwerpunkten Europa und Nordamerika greifen die 80 Autorinnen und Autoren aus über einem Dutzend Ländern in 217 mit Literaturangaben versehenen Artikeln auch in den südlichen Mittelmeerraum, nach Asien und Südamerika aus und zeichnen die Gesamtentwicklung der ästhetischen Avantgarde in den einzelnen Künsten nach, jene der historischen oder klassischen Avantgarde der ersten Jahrhunderthälfte wie auch die sogenannte Neo-Avantgarde zwischen dem Zweiten Weltkrieg und der Postmoderne.

Der lesefreundlich im Zweispaltensatz umbrochene Band bietet a) Einträge zu einzelnen Avantgarde-Bewegungen und Ismen (beispielsweise Dada, Cobra, Pop-Art, Fluxus, Kreationismus); b) Einträge zu einzelnen Kunstgattungen wie Architektur samt Städtebau, bildende Kunst, Design, Film, Fotografie, Literatur, Mode, Musik, Tanz, Theater, Typografie, Zeitschriften; c) Kernbegriffe zu einzelnen Kunstformen und Kategorien der Avantgarde und der Avantgarde-Forschung (etwa Abstraktion, Collage, Gender, Geschwindigkeit, Gesamtkunstwerk, Lautdichtung); schliesslich d) Lemmata zu einzelnen Ländern (40 an der Zahl, darunter auch Georgien, Island, Kroatien, die baltischen Staaten), zu Regionen und Sprachen (auch Esperanto und Jiddisch).

In den Blick genommen werden auch die Verflechtungen und Entwicklungen, die Netzwerke auf räumlicher und zeitlicher Ebene im Grenzen überschreitenden Kontext. «Diese Lemmata zeigen insgesamt die Internationalität und Vernetzung der Avantgarde und verdeutlichen, dass die Avantgarde keine Sache von ,Zentren’ allein war, sondern dass sie auch in der ,Peripherie’ der sog. ,kleineren’ Länder und Kulturen durchaus prägend aufgetreten ist.» (Einleitung)

Die Klangkunst ist hier verständlicherweise kein zentrales Begriffsfeld. Dem Eintrag Musik sind fünfeinhalb Seiten gewidmet; unter den damit zusammenhängenden Stichworten, z. B. Akustische Kunst / Ars Acustica, Bruitismus, Jazz, Minimalismus, serielle Musik, Zufall, finden sich Erweiterungen.

Erschlossen und bereichert wird der Band durch das Artikelverzeichnis am Anfang, die Auswahlbibliographie, das Mitarbeiterverzeichnis und das Personenregister im Anhang.

Der Entdeckungen, Ansätze, Einsichten, der divergierenden Meinungen sind viele in diesem an Informationen dichten, an Anregungen reichen Lexikon. Das beginnt mit der Einleitung, einem umfassenden Essay zur künstlerischen Avantgarde im 20. Jahrhundert, setzt sich fort in den eloquent formulierten, klar aufgebauten Beiträgen renommierter Forscherinnen und Forscher unter den Herausgebern Hubert van den Berg und Walter Fähnders. – Eine Fundgrube für die Kunst, ein raumgreifendes Panorama der Sozial- und Geistesgeschichte eines in Vielem nachwirkenden Jahrhunderts. (ws)

Metzler Lexikon Avantgarde. Herausgegeben von Hubert van den Berg und Walter Fähnders. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2009. 404 Seiten, keine Abbildungen. € 59,95. Fr. 92.–.

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