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17.01.2012 — MINT tönt ja eher nach After Eight als nach Bildungspolitik, meint aber tatsächlich die «harten» Disziplinen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Diese sollen gegenüber den weichen Fächern Zeichnen, Singen und so weiter endlich wieder Priorität erhalten. Denn unser Nachwuchs bringt schriftlich (und oft auch mündlich) angeblich keinen geraden Satz mehr hin, und er greift bereits zur Taschenrechner-Simulation im Mobiltelefon, gilt es auszurechnen, was denn die Hälfte von 12.40 Franken sein könnte.
Zwischen MINT und Kunsterziehung wird ein Gegensatz konstruiert, der komplett falsch und gefährlich ist, weil er an der entscheidenden bildungspolitischen Herausforderung vorbeischiesst. Die beiden haben letztlich das gleiche Ziel, das sie auch nur gemeinsam erreichen. Sie sind denn auch gleich anspruchsvoll und notwendig. Dass sich beide für hirnlose Paukerei eignen (sowohl Mathematik- als auch Musiklehrer können Spielverderber sein, wenn sie ihre fachliche Überlegenheit zur Demütigung ihrer Schüler missbrauchen) ist kein Argument dagegen, einzusehen, dass es sich bei beiden um herausfordernde und persönlichkeitsbildende Stoffe handelt.
Denken ohne Sinneswahrnehmung ist – das wissen wir spätestens seit Kants «Kritik der reinen Vernunft» – genauso leer wie Fühlen ohne Strukturierung der Erfahrung. Das moderne wissenschaftlich-empiristische Weltbild basiert auf einer engen Abhängigkeit von Sinnlichkeit und Verstandesvermögen. MINT-Fächer soll das abstrakte Denken schulen, Kunsterziehung nicht mehr und nicht weniger erreichen als den kompetenten Umgang mit den eigenen Sinnen und mit Verfahren, sich konzis, elegant und emotional ansprechend mitzuteilen.
Der Erwerb der entsprechenden Kulturtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Singen, Erzählen, sich Bewegen) erfordert in jedem Fall Geduld, Aufmerksamkeit, Genauigkeit und die Fähigkeit, sich über längere Zeit in etwas zu versenken. Dies sind die Fähigkeiten, die Heranwachsende zu kompetenten und mündigen Mitbürgern machen.
Der Untergang der Kultur durch selbstbezogene und flegelhafte Jugendkulturen wird zwar seit Sokrates beschworen. Die noch nie dagewesene Überfülle an sofort verfügbaren Medien scheint heute aber tatsächlich eine gänzlich neuartige Bedrohung für die Persönlichkeitsbildung darzustellen: SMS, MMS, Facebook, Twitter, iPhone und Co. favorisieren kurze Aufmerksamkeitsspannen, Sinnesüberflutung, ständige Ablenkung und Ungeduld.
Da landen wir halt wieder beim guten (?) alten Pestalozzi: Um Kopf, Herz und Hand geht es. Und bei allem darum, den Nachwachsenden einerseits Kulturtechniken zu vermitteln, dank derer sie sich Verstand und Sinnen mündig zu bedienen verstehen, anderseits aber vor allem auch, starke Motivation aufzubauen, sich mit Geduld, Genauigkeit, emotionalem Engagement, scharfem Verstand und wachen Sinnen in Probleme zu vertiefen. Und solche Prozesse auch einzuüben.
Auf Musik- und Kunstunterricht, der sich darauf beschränkt, oberflächliche Wohlfühlstimmung zu verbreiten, können wir getrost verzichten. Einer, der das Selbstwertgefühl hebt und die Lust an der Herausforderung weckt, ist aber genauso unverzichtbar wie die MINT-Fächer. (cf)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
