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03.09.2010 — Das Bundesamt für Kultur (BAK) hat die erste Kulturbotschaft zur Umsetzung des Kulturförderungsgesetzes (KFG) in die Vernehmlassung geschickt (sie kann auf der Webseite des BAK heruntergeladen werden). Da werden viele Details der Aufgaben und der Zusammenarbeit der einzelnen Akteure neu geregelt. Erfüllt werden soll zum Beispiel ein Wunsch, den die Pro-Helvetia-Exponenten schon lange hegen: Die Kulturstiftung soll vom BAK die Verantwortung für die Biennalen in Venedig, Neu Dehli und Kairo übernehmen.
Die Pro Helvetia soll in gewisser Hinsicht aber auch entpolitisiert werden: Die Steuerung der kulturpolitischen Debatte – zur Zeit etwa Thema des Pro-Helvetia-Programmes Ménage – will das BAK künftig verstärkt selber übernehmen. Es will «eine aktivere Rolle bei der Gestaltung der schweizerischen Kulturpolitik spielen» und «Veranstaltungen, welche die schweizerische Kulturpolitik reflektieren» (53) selber organisieren.
Viele, viele kleinere Modifikationen sollen am System Kulturförderung in der Schweiz vorgenommen werden. Optimieren und Ausbalancieren heissen die Devisen. Die Politik hat beim Entwurf des KFG keine Visionen entwickelt und erklärtermassen nicht mehr als ein Organisationsgesetz zugelassen. Was fast völlig fehlt in der Botschaft sind also grössere Zukunftsprojekte wie Schnittstellen zwischen Kultur- und Wirtschafts-, respektive Kultur- und Wissenschaftsförderung. Die Schweiz, die auf ihren Denkplatz so stolz ist, spielt in Europa in dieser Hnsicht, freundlich ausgedrückt, nicht unbedingt eine Vorreiterrolle.
Die Kulturbotschaft verschweigt das keineswegs: Die Wirtschaftspolitik sollte die Entwicklung der Querschnittbranche Kultur- und Kreativwirtschaft in ihre Überlegungen einbeziehen, schreiben die Autoren (13). Auch die Schweiz müsse sich, so die Botschaft weiter (19), zur Aufgabe machen, das Potential der Kultur- und Kreativwirtschaft besser zu erschliessen.
In einer Fussnote wird dann fast etwas verschämt darauf hingewiesen, dass unsere Nachbarn da bereits weiter sind: Deutschland hat dazu unter anderem ein Kompetenzzentrum mit acht regionalen Anlaufstellen gegründet, die EU-Kommission eine europäische Plattform ins Leben gerufen.
Die staatliche Kultur- und Wirtschaftsförderung und die Politiker sind für die mangelnde Dynamik allerdings beileibe nicht alleine verantwortlich zu machen. Sie können (und sollen) ohnehin nur aufnehmen, was privater Initiative von Staatsbürgern entspringt, und da fehlt nun ein entscheidender Baustein im Ganzen aus Bildungs-, Forschungs-, Kultur- und Wirtschaftsförderung.
Die recht gut ausgebauten Schweizer Netzwerke von Risikokapitalgebern basieren auf Modellen schnell wachsender Hitech-Firmen mit hoher Rendite oder hohem Verkaufswert. Daneben gibt es für Kulturprojekte Mäzene, die gerne Geld à fonds perdu austeilen, sich dafür aber eher Schönes, Gutes und Wahres erhoffen als Firmen, die Arbeitsplätze schaffen und zum Bruttosozialprodukt beitragen.
Es fehlen langfristig und professionell agierende Investoren-Netzwerke, die auf Kultur- und Kreativwirtschaft massgeschneiderte Finanzierungs- und Coachingmodelle entwickeln würden – etwa solche, die das Gebaren traditioneller Kulturstiftungen mit dem Sinn fürs Marketing global agierender Dienstleister verbinden würden und die Kultur- und Kreativwirtschaft zu einem Zweig der Exportindustrie weiterzuentwickeln erlaubten.
Sie würden den Druck auf staatliche Stellen wie die Förderagentur für Innovation des Bundes (KTI), erhöhen, sich da auch einzubringen. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
