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10.02.2006 — Der Streit um die dänischen Karikaturen Mohammeds nimmt immer unschönere Formen an. Die Fronten verhärten sich. Für den «aufgeklärten» Westen steht scheinbar die freie Meinungsäusserung auf dem Spiel, für die islamische Welt der Respekt vor den eigenen religiösen Gefühlen. Tatsächlich ist die Konfrontation zu bedauern, allerdings aus einem ganz andern Grund: Man hätte der gewichtigen Frage, in welcher Form sich Nichtangehörige über die Glaubensregeln einer religiösen Gemeinschaft äussern dürfen, einen etwas tieferschürfenden Auslöser gewünscht als die höchst mittelmässigen Karikaturen eines dänischen Lokalblattes.
Es gilt zunächst einmal, zwei Dinge auseinanderzuhalten: Zum einen die Legalität solcher Karikaturen, zum andern ihr Zweck. An der Legalität der Zeichnungen gibt es nichts zu rütteln. Satire darf alles – leider auch schlechte – und keiner darf verfolgt oder verurteilt werden, der sich ihrer bedient. Die Freiheit der Satire hat mit Qualität und Sinn für Geschmack nichts zu tun. Diese Legalität kann aber, wie sich zeigen lässt, auch für gläubige Moslems kein Problem darstellen.
Das andere ist der Zweck. Da stellt sich zunächst einmal die Frage, was es der Meinungsfreiheit bringen soll, wenn Mohammed bildlich dargestellt wird. Oder andersherum: Schränkt der Entscheid, Mohammed nicht bildlich darzustellen, die freie Meinungsäusserung in irgendeiner Weise ein? Kann wegen dieses Bilderverbotes irgend ein Sachverhalt öffentlich nicht geäussert werden?
Da nun liegt der Hund begraben. Mohammed-Darstellungen können im Grunde genommen nur einen Zweck verfolgen: Das Verbot von Mohammed-Darstellungen zu übertreten. Weil das Verbot solcher Darstellungen ausserhalb der religiösen Gemeinschaft der Moslems keinerlei Sinn ergibt, kann es für einen Nichtgläubigen darüber hinaus keinerlei Einschränkung seiner freien Meinungsäusserung bedeuten. Eine Übertretung kann also allerhöchstens Ausdruck der Überzeugung sein, dass selbst interne Gesetze einer religiösen Gemeinschaft, welche das freie Leben der Ungläubigen in keiner Art einschränken, nicht sein dürfen. Das riecht doch eher nach kleinbürgerlicher Missgunst als nach echter Sorge um die freie westliche Welt.
Auf der andern Seite kann es einem Moslem aus moralisch-ethischer Sicht doch im Grunde genommen egal sein, ob der Ungläubige ein unsensibler Rüpel ist und wegen dem, was er als höchst verwerflichen Frevel ansieht in ewiger Verdammnis enden wird (der Ungläubige sieht das natürlich vollkommen anders). Die Übertretung ist ja theologisch betrachtet keine Beleidigung der Gläubigen, sondern eine solche Gottes.
Man kann es dem Gläubigen allerdings nicht verübeln, wenn er sich menschlich enttäuscht zeigt. Die Frage des Zwecks der Mohammed-Karikaturen ist eben keine Frage der freien Meinungsäusserung, sondern eine solche des zivilisierten Umgangs der Völker untereinander.
Es ist allerdings möglich, dass die aktuelle Auseinandersetzung um das islamische Bilderverbot à la longue etwas Gutes bewirkt, weil sie nämlich die Bemühungen islamistischer Kreise mit eher engem geistigem Horizont und aggressivem Expansionsdrang, gewisse Themen zu tabuisieren, unterläuft. Enttabuisierung ist eine Errungenschaft einer freien Gesellschaft und dient der freien Entfaltung von Individualität – man denke dabei an Themen wie Behinderung, Homosexualität, früher dämonisierte Krankheiten wie Krebs oder allgemein die dunklen Seiten der Psyche.
Ewiggestrige Moralapostel, die gegen solche Dimensionen des Menschseins heute noch wettern, locken in einer urbanen Welt keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor. Das ist gut so. Die meisten Enttabuisierungen haben aber in den meisten Fällen mit den falschen Mitteln begonnen, weil wegen der Tabus ja die Sprache fehlt, um ihren Sinn und Unsinn differenziert zu reflektieren. (wb)
Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins
