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Musik für Tasteninstrumente

29.01.2007 — Er war Maestro di cappella und Hauptorganist am Markusdom in Venedig, Orgelbauer, Verleger von Notenbänden, und als Komponist meisterte Claudio Merulo (1533–1604) alle damaligen Hauptgattungen der italienischen Tastenmusik (Ricercar, Canzona, Versetto, Toccata), entwickelte sie formal, technisch, melodisch und harmonisch, öffnete im Übergang der Renaissance zum Barock neue Räume der Expressivität. Seine Errungenschaften insbesondere im Bereich der Toccata befruchteten die norddeutschen Orgelmeister.

Nun, nach Erscheinen des zweiten Albums (Vol.1 ist 2005 vorgelegt worden), liegt Merulos Orgelschaffen (ausgenommen die der Kirchenmusik zugehörenden «Messe d’intavolatura d’organo») in einer von fundierten Informationen in den Booklets begleiteten ersten Gesamteinspielung vor. Auch in Teil 2 erklingt die Orgel von Vincenzo Colombi (1533) in Valvasone (Pordenone), eine der ältesten und gut erhaltenen Orgeln Europas, zudem das nicht weniger kostbare, auf das Jahr 1588 zurückgehende Instrument von Costanzo Antegnati in der Kirche San Nicola in Almenno (Bergamo).

Der in Cremona geborene Organist und Cembalist Stefano Molardi erweist sich als kenntnisreicher, inspirierter Sachwalter des imposanten Schaffens von Claudio Merulo und als Meister farbenreicher Klangkombinationen.

Girolamo Frescobaldi

Einer, der Claudio Merulos Erbe sich aneignete und in dessen Verschmelzung mit Einflüssen der neapolitanischen Schule und kraft seines Erfindungsreichtums Gewinn daraus zog, war der fünfzig Jahre jüngere Girolamo Frescobaldi (1583–1643). Dessen Stil wiederum fand durch Vermittlung Frobergers seinen Niederschlag in Süddeutschland und Österreich, sodass sich Merulo-Reminiszenzen auch dort finden.

Mit einer persönlichen Auswahl aus verschiedenen Sammlungen Frescobaldis, darunter dem 1. und 2. Toccaten-Buch (1637, 1627) und den «Fiori Musicali» (1635), beschliesst der italienische Cembalist und Organist Andrea Marcon seine siebenteilige Serie mit Einspielungen auf historischen Orgeln seiner Heimat Treviso (Region Venetien).

Das für die Aufnahmen verwendete Instrument in der Chiesa Auditorium di Santa Caterina in Treviso ist eine 1998 von Franco Zanin erbaute Kopie des Renaissanceorgel-Typs. Das Booklet enthält die Disposition, unglücklicherweise aber statt den entsprechenden die Registrierungsangaben einer anderen Orgel aus einem anderen Marcon-Album («The Heritage of Frescobaldi»).

Frederiksborg und Sønderborg

Das auf drei Inseln errichtete Renaissance-Schloss Frederiksborg bei Kopenhagen beherbergt in seiner Kirche ein durch den Deutschen Esaias Compenius zwischen 1605 und 1611 als Kammer- und Tanzorgel gebautes Instrument, das einzige erhaltene aus seiner Werkstatt. 1891–1894 wurde es durch die Firma Cavaillé-Coll restauriert, zum ersten Mal weltweit überhaupt in denkmalpflegerischer Absicht. 1994 erfolgte eine durchgreifende Wiederherstellung der mit zwei Manualen und Pedal ausgestatteten, in einem grossen Kabinett-Schrank untergebrachten Orgel durch Mads Kjersgaard.

Der Schweizer Organist Albert Bolliger, stets mit Erfolg auf der Suche nach historischen Instrumenten, auf denen er der Zeit ihres Entstehens und ihrem Klangcharakter entsprechende, überwiegend kürzere Werke zum Erklingen bringt, widmet den ersten Teil seiner jüngsten, wie alle früheren mit profund dokumentierendem Booklet begleiteten CD der Compenius-Orgel von Frederiksborg. Im zweiten Teil stellt er die Schwalbennest-Orgel von Schloss Sønderborg vor. Zwar ging das aufs Jahr 1570 datierte, über Oberwerk und Unterpositiv verfügende Instrument im 19. Jahrhundert all seiner Metallteile und der Klaviaturen verlustig, doch konnte es aufgrund der Abmessungen von Gehäuse, Balg- und Kanalanlage als Neubau nachgeschaffen und 1996 eingeweiht werden.

Auf den zwei einzigartigen Instrumenten (jenes von Compenius mit aparten Balg- und Trakturgeräuschen) spielt Bolliger in souveräner Manier mit Würde und Humor geistliche und weltliche Sätze von Meistern des 16. und 17. Jahrhunderts, darunter di Lasso, Praetorius, Schildt, Sweelinck, Scheidt, Tallis, Stücke auch aus dem Mulliner Book, dem Fitzwilliam Virginal Book und den Tabulaturen Löffelholtz und Augsburg.

Carl Philipp Emanuel Bach

Wenn seinerzeit der «grosse Bach» gerühmt wurde, meinte man nicht Johann Sebastian, sondern seinen zweitältesten Sohn Carl Philipp Emanuel (1714–1788). Der Kammercembalist Friedrichs II. und ab 1767 als Nachfolger seines Paten Telemann Musikdirektor und Kantor in Hamburg, erlangte nicht zuletzt hohe Anerkennung durch sein Lehrbuch «Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen» (1753, 1762), das Kompendium zeitgemässer Aufführungspraxis und der Kunst der Verzierung.

Nicht allein um pädagogische Verrichtung ging es Bach. Musik, im Speziellen die auf Tasteninstrumenten (Clavichord, Cembalo, Pianoforte), war für ihn Ausdruck von Stimmungen und Affekten, eine «Sprache der Empfindungen». An den in diesem Geist geschaffenen, gegen den starren Regelkanon komponierten Werken des als «Originalgenie» verehrten Carl Philipp Emanuel inspirierten sich selbst Haydn und Mozart.

Den bedeutenden Anreger und heute Unterschätzten rückt der Niederländer Jean Goverts ins helle Licht: Aus Bachs rund 150 bis 200 Claviersonaten interpretiert er mit wie improvisiert anmutendem rhetorischem Gestus, akkurater Artikulation und reicher Klangschattierung (mit wirksamem Einsatz des Dämpfers) auf dem Hammerklavier – einem Nachbau von Neupert (1970) nach Geschwister Stein – neun Werke aus der Zeitspanne von 1762 bis 1786, darunter fünf aus den Sammlungen «für Kenner und Liebhaber».

Kurt Leimer und Frédéric Chopin

Chopin, gewiss, aber Kurt Leimer? Vor gut drei Jahrzehnten, 1974, starb der 1920 in Wiesbaden geborene deutsche Pianist und Komponist in Vaduz. In den einschlägigen Musiklexika sucht man seinen Namen meist vergeblich – was nichts über die Qualität seines Schaffens aussagt. Nach Studien in Berlin, unter anderen bei Edwin Fischer (Klavier) und Kurt von Wolfurt (Komposition), unterbrachen Militärdienst und Gefangenschaft in Livorno Leimers glanzvolle Karriere.

1944 komponierte er sein Klavierkonzert für die linke Hand, das er 1953 mit den Wiener Philharmonikern unter Karajan zur Uraufführung brachte. Im gleichen Jahr übernahm er die Leitung der Meisterklasse für Klavier am Mozarteum Salzburg, die er bis zu seinem Tod innehatte. Zeugnisse seiner ausgedehnten Konzerttätigkeit und seines kompositorischen Œuvres bilden Einspielungen, die von der in Zürich ansässigen Kurt Leimer Stiftung und dem Label Colosseum Classics mit restauriertem Klangbild ediert werden.

Dass Kurt Leimer zu den herausragenden Chopin-Interpreten zu rechnen ist, beweist sein Album mit den aus den Sechzigerjahren stammenden Aufnahmen der b-Moll-Sonate, des Scherzos op. 20 und der je 12 Etüden op. 10 und op. 25. Die Subtilität in Anschlag und Ausdruck, die Transparenz des Satzes, die Beleuchtung des Details verbinden sich kraft einer formal stringenten, emotional noblen Gestaltung, die Salonbombast und virtuoses Zelebrieren ausschliesst, zu einem Spiel von höchster Luzidität und Eindringlichkeit.

Nikos Skalkottas

Erstaunlich: Das Œuvre eines griechischen Komponisten erscheint in einem schwedischen Label (bisher in 17 Alben); ungewöhnlich umso mehr, als Nikos Skalkottas (1904–1949) nicht zu den Gefragten des Musiklebens gehört. Der Geiger und Komponist arbeitete von 1924 bis 1933 in Berlin, war Schüler von Philipp Jarnach und Kurt Weill und beeinflusst durch Schönberg. Ein Stipendium gab ihm Gelegenheit zu sorglosem Studium, zu angeregtem Umgang mit Freunden, zum Musizieren und Komponieren.

Im Mai 1933 war Skalkottas gezwungen, in seine Heimat zurückzukehren; die Mehrzahl seiner Manuskripte blieb in Berlin und ging verloren. In Athen stiess er auf wenig Resonanz, kapselte sich ein, war von den zeitgenössischen Entwicklungen isoliert, was der Ausbildung seines eigenständigen Stils förderlich war. Viele der in der Isolation geschriebenen Werke blieben zu seiner Lebzeit ungedruckt.

In der jüngsten CD des Zyklus setzt sich die griechische Pianistin Lorenda Ramou mit virtuosem Glanz und subtiler Klangkolorierung für Skalkottas’ originale Ballett-Klaviermusik ein: «The Maiden and the Death» (1938), «Echo» (1943), «Island Images» (1943), «The Land and the Sea of Greece» (1948), «Procession to Acheron» (1948); vier der fünf Werke erklingen als Ersteinspielungen. Charakteristisch sind geschärfte Rhythmik, Elemente der Volksmusik Griechenlands, herbe Melodik, spannungsvolle Harmonik, Farbenreichtum und brillante Pianistik.

Sergei Bortkiewicz

Seine Seele war durchtränkt von vollmundiger tröstlicher Spätromantik – «Six Pensées Lyriques» und «Lamentations et Consolations» sind zwei der Sammlungen von Klavierstücken des Russen Sergei Eduardowitsch (von) Bortkiewicz, die der Finne Jouni Somero in Vol. 1 seiner Bortkiewicz gewidmeten Einspielungen berücksichtigt.

In der Ukraine 1877 geboren, zum Pianisten und Komponisten ausgebildet in Petersburg und Leipzig (beim Liszt-Schüler Alfred Reisenauer), lehrte Bortkiewicz bis 1914 in Berlin, dann in Russland, von wo er 1920 vor der russischen Revolution und dem Bürgerkrieg nach Konstantinopel floh. Von 1922 bis zu seinem Tod 1952 lebte er in Wien, zwischenzeitlich von 1928 bis 1933 erneut in Berlin.

Die Reisen und Eindrücke als Konzertpianist und Exilant haben in seinem Œuvre (u. a. eine Oper, zwei Sinfonien, ein Cello- und ein Violinkonzert, Kammermusik, Klavierstücke und drei Klavierkonzerte, das 2. von 1930 für den einhändigen Pianisten Paul Wittgenstein) keine tiefen Spuren hinterlassen. Da ist ein wenig Russland, viel Chopin und Liszt und manches gediegen Kleinmeisterliche, eine simple Harmonik und ohne Widerstände fliessendes Figurenwerk. An zarten Melodien mangelt es nicht, desgleichen nicht an vollgriffig opulenter Akkordik. Zum Hörgenuss werden die Piècen unter den Händen des Finnen Jouni Somero, der Gefühlvolles nicht ins Sentimentale abgleiten lässt und die Untiefen mit handwerklicher Meisterschaft überbrückt. (ws)

Claudio Merulo: Opera omnia per Organo. Complete Works for Organ, Vol. 2. 26 Toccate, Ricercari, Canzoni. Stefano Molardi an den Orgeln von Colombi (1533) in Valvasone und Antegnati (1588) in Almenno. Booklet ital./dt./engl./frz. (Divox Antiqua CDX 70311/12; 2 CDs; 146’)
siehe auch Claudio Merulos Orgelwerke, Vol. 1, 21.05.2005

Girolamo Frescobaldi: Orgelwerke. Andrea Marcon an der Orgel der Chiesa Auditorium di Santa Caterina, Treviso. (Divox Antiqua, Organ Series Vol. VI, CDX 79904; 62’)

Frederiksborg (Esaias Compenius, 1610) und Sønderborg (Dorothea-Orgel, 1570/1996). Albert Bolliger (Sinus SIN 4006; 67’)

Carl Philipp Emanuel Bach: «Clavier-Sonaten für Kenner und Liebhaber». Jean Goverts, Pianoforte. (Divox Antiqua CDX 70303; 69’)

Frédéric Chopin: Klaviersonate op. 35; Scherzo h-Moll op. 20; 12 Grandes Études op. 10; 12 Études op. 25. Kurt Leimer, Klavier. (Colosseum Classics COL 9201.2; 2 CDs mono; 84’)

Nikos Skalkottas: The Land and the Sea of Greece. Ballet Music. Lorenda Ramou, Klavier. (BIS Records BIS 1564; 63’)

Sergei Bortkiewicz: Piano Works Vol. 1. Jouni Somero, Klavier. (FC-Records FCRCD-9714; 77’)

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