06.04.2008 — Im Alter von 42 Jahren – Aribert Reimann wirkte damals als Professor für zeitgenössisches Lied an der Musikhochschule Hamburg – gelang ihm der internationale Durchbruch mit «Lear» nach Shakespeare. Seiner dritten Oper folgten weitere, darunter «Troades» nach Euripides und Werfel (1986), «Das Schloss» nach Kafka (1992), «Bernarda Albas Haus» nach García Lorca (2000). Die achte Oper, «Medea» nach Grillparzers Gedicht «Das Goldene Vließ», soll 2010 an der Wiener Staatsoper zur Uraufführung kommen.
Reimann, 1936 in Berlin geboren und bei Boris Blacher und Ernst Pepping ausgebildet, gilt als Meister der Vokalmusik vom Lied bis zu Oper und Requiem. Sein Œuvrekatalog weist aber auch Orchesterwerke, Konzerte und Kammermusik auf.
Der vorliegende Band der Musik-Konzepte nimmt Aribert Reimann in seinem weiten Spektrum von experimentellen Werken aus den späten Sechzigerjahren bis zu jüngsten Kompositionen in den Blick. Insgesamt gehe es darum, wie Herausgeber Ulrich Tadday im Vorwort betont, «das überzeitlich Moderne der individuellen Musiksprache Reimanns besser begreifen und verstehen zu lernen».
Den Komponisten und sein Werk stellt Wolfgang Rathert vor unter dem Titel «Auge der Zeit». Er befasst sich dabei mit der charakteristischen Tonsprache wie auch mit Reimanns intellektuellem und moralischem Engagement.
Zwei geistliche Werke stellt Charlotte Seither in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung «Das Requiem bei Aribert Reimann». In ihren Anmerkungen zu «Wolkenloses Christfest» (1974) und «Requiem» (1982) betont sie deren transreligiöse, transkulturelle und interpersonale Ausrichtung.
Annäherungen an Reimanns Orchesterschaffen und Konzerte unternimmt Franz Knappik im Beitrag «Diesseits und jenseits des Gesangs» aus verschiedenen thematischen Perspektiven, darunter die kompositorische Auseinandersetzung mit der Musikgeschichte und Berührungen zwischen Orchester- und Vokalmusik.
Axel Bauni setzt sich in seiner Arbeit «Singen möcht ich von Dir» mit dem sich über ein halbes Jahrhundert erstreckenden Liederschaffen auseinander. Neben detaillierten, Reimanns Liedstil charakterisierenden Analysen gibt Bauni Erkenntnisse für die Interpretation weiter, die er als Pianist und Lehrender gewann.
Anmerkungen zum Verhältnis von Bearbeitung (Transkriptionen) und kammermusikalischer Komposition bei Reimann hält Andreas Krause fest. Er deckt in seinem Essay «… allein auf weiter See …» auch die Verbindungen von Reimanns Schaffen zu Klassik und Romantik als Quelle der Inspiration auf.
Stephan Mösch stellt «Bernarda Albas Haus» ins Zentrum seines «Das ungelebte Leben» überschriebenen Beitrags, in dem er sich auf Reimanns Opernschaffen konzentriert, auf dessen ästhetische Position, den Umgang mit Literatur, die musikalische Sprache und die Behandlung der Stimme.
Der mit vielen Notenbeispielen ausgestattete Band enthält im Anhang die Abstracts, bibliografische Hinweise, eine Zeittafel zu Reimanns Leben und Schaffen sowie die Kurzbiografien der Autoren. (ws)
Aribert Reimann. Reihe Musik-Konzepte, Band 139. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. I/2008, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 125 Seiten mit Notenbeispielen. € 18,–. Fr. 32.90.