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Musik-Konzepte: Bohuslav Martinů

12.01.2010 — Er hat ein reiches, ein vielseitiges Œuvre hinterlassen, etwa 400 Kompositionen, darunter 14 Opern, 15 Ballette, 12 Oratorien und Kantaten, 6 Sinfonien, Instrumentalkonzerte und Kammermusik. Im Konzertleben konnte sich Bohuslav Martinů (1890–1959) bis heute nicht als feste Grösse etablieren. Dass dies keineswegs an der Qualität seines Schaffens liegt, wird aus der Lektüre des ihm gewidmeten Sonderbands der Reihe Musik-Konzepte deutlich.

Die neun in chronologischer Folge angeordneten Aufsätze, die den Lebensstationen des tschechischen Meisters und seiner künstlerischen Entwicklung nachgehen und ein aussagekräftiges Bild seiner Persönlichkeit und seines Schaffens vermitteln, basieren auf dem Symposium «Bohuslav Martinů – Werk und Wirkung», das im Mai 2009 anlässlich des 50. Todestags in Dresden durchgeführt wurde.

Im einleitenden Beitrag gibt Ales Brezina einen Überblick über Leben und Werk des Autodidakten Martinů von der ersten, spätromantisch geprägten Periode in Prag, der 1923 anschliessenden in Paris, wo er zu einer radikalen Wende der ästhetischen Ausrichtung fand, über das Exil in den USA (1941–1953) bis zu den letzten Jahren in Frankreich, Italien und der Schweiz. – «Aufgrund seiner Fähigkeit, immer neue Experimente mit seiner spezifischen Musiksprache ,logisch’ zu verbinden, gehört Martinů zu den innovativsten Komponisten seiner Zeit.» (Seite 12)

Sinfonische Kompositionen der tschechischen Periode (1905–1923) vor dem Hintergrund des Prager Milieus untersucht Sandra Bergmannova. Das so gut wie unerforschte, an die spätromantische Tradition anknüpfende, impressionistische Harmonik einbeziehende Frühwerk umfasse 135 Kompositionen (Brezina schreibt von 150; bei Gabrielova später ist von «mehr als 100 erhaltenen Werken und Werkfragmenten» die Rede). Die Quellenlage aus dieser Anfangszeit ist dürftig: Mangels Drucken sind schwer greifbare Autografen die einzige Grundlage für die Forschung.

Eva Velicka entdeckte 2005 in der dänischen königlichen Bibliothek das Manuskript des jahrzehntelang verschollenen Streichtrios Nr. 1. Am Beispiel dieser kurzen dreisätzigen Komposition, einem Wendepunkt in Martinůs Werk der 1920er Jahre, arbeitet Velicka den Übergang des Komponisten von der tschechischen in die französische Phase heraus.

Unter den sieben Streichquartetten, die Martinů zwischen 1918 und 1947 schrieb, fallen vier in die Pariser Zeit. Zwei davon, Nr. 2 und Nr. 3 (1925 bzw. 1929), stellt Stefan Weiss ins Zentrum seiner Studie «Tradition und Revolution in Martinůs frühen Streichquartetten», in der er der Frage nachgeht, wie sich die neue, auf die Auseinandersetzung mit Strawinsky zurückgehende Haltung mit dem traditionellen Beethovenschen Ideal kreuzt.

Grundlegende Konstanten des Opernschaffens und Martinůs Theaterästhetik als Gegenentwurf zum Musikdrama erläutert Ivana Rentsch an «The Greek Passion» (1954–1959) in ihrem Beitrag «Die Poesie der Oper». – «Was Martinů zeitlebens zu überwinden suchte, war eine im frühen 20. Jahrhundert zur Konvention erstarrte Opernpraxis […]. Indem Martinůs ästhetische Prämissen den gerade aktuellen Strömungen nicht erkennbar unterworfen waren und vielmehr sein kompositorisches Denken über 30 Jahre von denselben Konstanten bestimmt wurde, erscheint die musikhistorische Zeit gleichsam suspendiert.» (Seite 77)

Entsetzen, Anklage, Trauer, Protest, Aufschrei: Klaus Döge schildert in seinen «Anmerkungen zu Martinůs ,Memorial to Lidice’» ausführlich den Anlass zur Komposition (die Vernichtung des Dorfes Lidice und die Ermordung seiner Einwohner im Juni 1942 durch Nazi-Schergen), den Aufbau, den musikalischen Ausdruck und die Bedeutungsebenen des kurzen Werks für grosses Orchester (1943).

Martinůs in Paris geschriebene konzertante Musik für Kammerorchester und die Bedeutung des Klaviers sowie das den Komponisten inspirierende künstlerische Umfeld in der Seinestadt beleuchtet Daniela Philippi. Sie analysiert im Einzelnen die Jazz-Suite (1928) und das Doppelkonzert (1938).

Wolfgang Rathert nimmt Martinůs Sinfonien unter die Lupe (Untertitel: Ein Beitrag zur amerikanischen Musikgeschichte?). – «Auch die Sinfonien Martinůs geben Antworten auf Fragen, die an die Sinfonie als Gattung gestellt werden – und Martinů hat es selbst auch so empfunden, allerdings nicht als Indiz einer Krise.»

Den Bogen zurück schlägt Jarmila Gabrielova in ihrem Aufsatz, in dem sie die Wandlungen der Martinů-Rezeption in Böhmen zu Lebzeiten des Komponisten ab 1919 bis kurz nach seinem Tod skizziert. Sie kommt zum Ergebnis, dass der Komponist erst anerkannt, dann ab 1924 als Modernist und Strawinsky-Adlatus abgelehnt wurde. In den Dreissigerjahren wurde er als ein Nationalkomponist wahrgenommen, unter den Nazis und dann den Kommunisten verfemt. Erst ab 1953/1954 war der Bann, der über ihm und seinem Schaffen lag, in seiner Heimat gebrochen.

Der mit zwei Illustrationen und vielen Notenbeispielen versehene Sonderband schliesst mit den Abstracts, bibliografischen Hinweisen, der Zeittafel zu Leben und Werk Martinůs und den Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren. (ws)

Bohuslav Martinů. Reihe Musik-Konzepte, Sonderband. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. XI/2009, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 160 Seiten mit Abbildungen und Notenbeispielen. € 20,–. Fr. 34.50.

siehe auch: Martinů, der Sinfoniker

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