25.02.2004 — Seit über einem Vierteljahrhundert bereichert und belebt die Reihe Musik-Konzepte der edition text + kritik, München, die musikwissenschaftliche Diskussion um Komponisten, Werke, Zusammenhänge und Perspektiven vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Zu den 88 vorliegenden Einzelheften (vier Nummern pro Jahr) gesellen sich noch 14 Sonderbände.
Wesentliche Impulse zu verdanken sind den Herausgebern Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehn; nach Erscheinen des letzten von ihnen betreuten Bandes «Bruckners Neunte im Fegefeuer der Rezeption» (120/121/122) legen sie ihre Arbeit nun in jüngere Hände: Ulrich Tadday (Jahrgang 1963), Professor für Historische Musikwissenschaft an der Universität Bremen, macht den Einstand als Herausgeber der Neuen Folge mit dem soeben vorgelegten Heft «Charles Ives» (123).
Zum 50. Todesjahr des amerikanischen Komponisten – Ives lebte von 1874 bis 1954 – befassen sich drei Autorinnen und drei Autoren mit einzelnen Aspekten im komplexen, widersprüchlichen, schwer zu entschlüsselnden Schaffen des Avantgardisten und Einzelgängers – für die einen ein Möchtegern-Komponist, für die anderen der Vater der amerikanischen Musik –, der zwischen 1897 und 1926 knapp 400 Kompositionen schuf.
Ives hat den tradierten Werk- und Fortschrittsbegriff gesprengt – einmal durch die Verbindung heterogener Stile, Idiome und musikalischer Kulturen der Gegenwart und der Vergangenheit mit einer die traditionellen Wege aufgebenden Sprache, zum andern durch sein Ideal von der «Vielheit in der Einheit» mit dem Rückgriff auf vorgefundene Musik in Form von Zitaten, Entleihungen und Anspielungen aus Kunst- und Populärmusik. Wolfgang Rathert, Professor für Historische Musikwissenschaft in München, legt in seinem Beitrag «Ives’ Vermächtnis» eine Verständnisgrundlage für die musikhistorischen und musikästhetischen Prämissen und Widersprüche in Ives’ Schaffen.
Dieter Schulz, Professor für englische Philologie an der Universität Heidelberg, beleuchtet in seiner Arbeit «Concord und der amerikanische Transzendentalismus in Ives’ Ästhetik. Zu den ,Essays Before a Sonata‘» die religiös-literarisch-philosophische Bewegung ab den späten 1830er Jahren unter Führung von Ralph Waldo Emerson in Concord, Massachusetts, und die Umsetzung ihrer Ideen in der Musikanschauung und in den Kompositionen von Charles Ives.
Der «Montage von Entlehnungen», Ives’ Verfahren der Einbindung fremder Melodien in seine Werke, geht die Münchner Musikwissenschaftlerin Lucie Fenner detailliert nach in ihrer Untersuchung der Kompositionen «Calcium Light Night» für Kammerorchester und «TSIAJ» (This Scherzo Is A Joke), dem 2. Satz des Trios für Violine, Cello und Klavier. Die Autorin beleuchtet in ihrem Beitrag auch die College-Zeit des Komponisten und beliebten Unterhaltungspianisten, mit der die beiden Werke in programmatischem Bezug stehen.
Im Schatten seiner 2. Klaviersonate («Concord, Mass. 1840–1860») steht Ives’ 1. Klaviersonate, der Giselher Schubert, Leiter des Hindemith-Instituts, Frankfurt am Main, eine einlässliche Analyse widmet. Er untersucht Idee, Entstehung und Überlieferung des siebensätzigen Werks, Programm und Inhalt, Formgestaltung und Kompositionstechnik und reflektiert Aufführungsfragen anhand der Einspielungen des Uraufführungspianisten William Masselos (1953) und von Herbert Henck (1983).
«Die 4. Symphonie von Charles Ives. Hermeneutik zwischen Programmmusik und absoluter Musik»: In ihrem Beitrag geht die deutsche Musik- und Theaterwissenschaftlerin Dorothea Gail der Frage nach, welche Möglichkeiten Ives zu einer Sinngenerierung in der und für die 4. Symphonie nutzt und untersucht die konkrete Bedeutung des musikalischen Materials innerhalb der Form des 2. Satzes. Ives, so eine der Folgerungen, thematisiere die existenzielle Frage auf formaler wie auf inhaltlicher (musikalischer und aussermusikalischer) Ebene u. a. durch Programm und Zitate. «In diesem Sinne ist Ives einerseits der Tradition verbunden und andererseits als Vorreiter der Moderne anzusehen.»
Charles Ives’ bekanntester Schöpfung widmet sich Denise von Glahn, Professorin für Musikgeschichte und Musikwissenschaft in Florida, in ihrem Beitrag «Musikalische Stadtlandschaft: ,Central Park in the Dark‘». Sie führt in die ländliche Idylle in Manhattan im Herzen des grossstädtischen Raums, erläutert die musikalische Darstellung dieses Zufluchtsortes auf der Basis des zehnmal wiederholten zehntaktigen Ostinatos, geht den «natürlichen» und den «unnatürlichen» Klängen nach und dem «kunstvollen Chaos», wirft Seitenblicke auf andere Orts-Stücke von Ives. In «Central Park in the Dark» gestalte Ives «den natürlichen Raum in seiner Beständigkeit», folgert die Autorin, «vor allem im Gegensatz zum vergänglichen Charakter der urbanen Industrie und ihrer Arbeiter.»
Zusammenfassungen der Beiträge in englischer Sprache, bibliografische Hinweise, die Zeittafel zu Charles Ives und biografische Notizen zu den Autorinnen und Autoren beschliessen das Heft. (ws)
Musikkonzepte, Bd.123 : Charles Ives I/2004. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. Mit Notenbeispielen und Tabellen. 140 Seiten. € 16,-. Fr. 27.70.