21.02.2007 — Die Bezeichnung Spätwerk, die bei Künstlern die Schöpfungen der letzten, der «reifsten» Schaffensphase meint, besitzt bei Schumann einen Missklang. Festgesetzt hat sich die von einer traditionellen Musikästhetik untermauerte Überzeugung, das späte Schaffen Schumanns, der in der letzten Phase seines Leidens von 1854 bis zu seinem Tod 1856 in der Heilanstalt Endenich interniert war, sei beeinträchtigt durch die Geisteskrankheit.
Eine gegen Vorurteile ankämpfende Gegenmeinung zu dieser Auffassung begann sich erst seit den 1960er Jahren zu bilden. Die unverzichtbare Grundlage der jüngsten Untersuchungen und Studien bilden die historisch-kritischen Editionen im Rahmen der seit 1991 erscheinenden Neuen Ausgabe sämtlicher Werke Robert Schumanns.
Um eine differenzierte Sicht von Zusammenhängen wie von Details ging es auch in einem internationalen Symposium, das die Universität Bremen im Mai 2006 ausrichtete. Vorträge und Diskussionsrunden befassten sich kompositions- und rezeptionsgeschichtlich mit dem Thema «Robert Schumann: Das Spätwerk». In einem Dutzend Analysen, Interpretationen, musikästhetischen und -historischen Aufsätzen fasst der vorliegende Musik-Konzepte-Sonderband die Ergebnisse dieses Symposiums zusammen.
Ulrich Tadday untersucht in seinem Beitrag «Abschied von der Romantik?» den Romantik-Begriff und dessen Wandel nach 1848 und die damit verbundene Schumann-Kritik. – Zwischen den Fronten von Romantik und Realismus: Schumann und sein ehemaliger Schüler Richard Pohl als Kontrahenten im Diskurs über eine «neudeutsche» Musikästhetik ist Gegenstand in Martin Gecks Erörterungen.
Schumanns frühe und späte Fantasien, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede, vergleicht Hubert Moßburger in Gegenüberstellungen, klärt den Fantasiebegriff Schumanns und den «Schein der Unordnung». Eine seiner Folgerungen: Die kompositorische Fantasie habe «in Schumanns Spätwerk nicht nur nicht nachgelassen, sondern im Gegenteil, sie hat im Vergleich zum Frühwerk sogar noch zugenommen».
In seinem Artikel «Über Satzanschlüsse beim (nicht nur) späten Schumann» analysiert Reinhard Kapp Orchesterwerke, die beiden Instrumentalkonzerte und Kammermusik. – Untersuchungen zur Werkstruktur und zur Vertonungsweise der «Sechs Gesänge» op. 107, zu ihrer zeitgenössischen Rezeption und zur Bearbeitung für Sopran und Streichquartett von Aribert Reimann legt Ulrich Mahlert vor.
Einblicke in Probleme bei der von ihr betreuten Edition des Concert-Allegro op. 134 in der Neuen Schumann-Gesamtausgabe gibt Ute Bär. – Einlässliche praktische Spiel- und Interpretationshinweise fasst Michael Struck in seinen «Anmerkungen zur Wiedergabe der ,Kinderszenen’ im neuen Licht alter Metronomzahlen und zum Spiel der ,Gesänge der Frühe’» zusammen. – Entstehungsgeschichte und Drucklegung der Klaviersammlungen «Bunte Blätter» op. 99 und «Albumblätter» op. 124 stehen im Zentrum des Beitrags von Irmgard Knechtges-Obrecht.
Den Spuren von Schumanns Beschäftigung mit der klassischen Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts geht Bernhard R. Appel in seiner Abhandlung nach. – Peter Jost erörtert Schumanns und Wagners Konzeptionen einer Erneuerung der deutschen Oper, im Besonderen an «Genoveva» und «Lohengrin». – Schumann sei einer der «literarischsten» Komponisten der Musikgeschichte, hält Gerd Nauhaus fest und behandelt dessen «Rückkehr zum Wort» in den späten Arbeiten.
Dagmar Hoffmann-Axthelm formuliert Antworten auf die Frage, ob ein grosser Komponist «Wahnsinns-Musik» schreiben könne. Sie zitiert ein Wort von Karl Jaspers: Nur das «ursprüngliche Talent kann auch in der Psychose bedeutend sein und sichtbaren Ausdruck schaffen für die sonst ganz subjektiven (spirituellen) Erlebnisse».
Der illustrierte Band schliesst mit den Abstracts, bibliografischen Hinweisen, einer Zeittafel 1848–1856 und den Kurzporträts der Autorinnen und Autoren. (ws)
Der späte Schumann. Reihe Musik-Konzepte, Sonderband. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. XI/2006, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 223 Seiten mit Abbildungen und Notenbeispielen. € 24,–. Fr. 42.10. Bei Amazon kaufen
siehe auch
Schumann in Endenich
Schumann Handbuch
Heinrich Heine und Robert Schumann