23.02.2005 — Was Jean Sibelius für Finnland, ist Edvard Grieg für Norwegen: Beide engagierten sich vehement für die Unabhängigkeit ihrer Heimatländer. Beide erlebten, wofür sie mit vielen patriotisch Gesinnten gekämpft hatten: Norwegen wurde 1905 – vor genau hundert Jahren – durch die Auflösung der seit 1814 bestehenden Union mit Schweden zum selbständigen Nationalstaat, Finnland wurde 1919 aus russischer Herrschaft befreit und als souveräne Republik gegründet.
Wie Finnland in Sibelius besass auch Norwegen bereits vor seiner Unabhängigkeit in Edvard Hagerup Grieg (1843–1907) seinen Nationalkomponisten. Doch während das Schaffen des Finnen rasch dem musikalischen Welterbe einverleibt wurde, wird Grieg, der mit seiner Musik dazu beitragen wollte, in Norwegen nationale Identität zu stiften, noch immer weitgehend als Heimatkomponist wahrgenommen, verbunden der Natur und der Volksmusik seines Landes. Für diverse Korrekturen an diesem einseitigen Grieg-Bild sorgt die jüngste Ausgabe der Musik-Konzepte; sie zeigt zudem die Bedeutung von Griegs Schaffen auf für den Wandel von der Spätromantik zur beginnenden Moderne.
In den Beiträgen renommierter Grieg-Forscher geht es im ersten Teil des Bandes um Bedeutung und Einfluss Griegs in der europäischen Musiklandschaft, um rezeptionsgeschichtliche und ästhetische Fragen, während im zweiten Teil das Klavierschaffen, musikdramatische Kompositionen und die Duosonaten analysiert werden.
Ein neues, differenziertes Grieg-Porträt entwirft Heinrich W. Schwab, Professor am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Kopenhagen, in seinem Beitrag «Nationalkomponist – Heimatkünstler – Europäer. Wechselnde Ansichten des Grieg-Bildes vom 19. zum 20. Jahrhundert». Harald Herresthal, Organist und Professor für Kirchenmusik in Oslo, geht der Grieg-Rezeption in Frankreich nach; zur Darstellung kommen u. a. Griegs Aufenthalte und Konzerte, seine Bedeutung für französische Komponisten (darunter die Impressionisten), sein mutiges Verhalten in der Affäre Dreyfus.
Im Artikel «Edvard Griegs Lehrjahre» räumt Patrick Dinslage, Professor für Musiktheorie in Berlin und Vizepräsident der Internationalen Edvard-Grieg-Gesellschaft, auf mit etlichen Legenden zu Elternhaus, Kindheit und Jugendzeit und den Studienjahren in Leipzig. Finn Bennestad, Professor für Musikwissenschaft in Oslo, Autor diverser Bücher über Grieg, behandelt im Beitrag «Grieg und der norwegische Volkston. Eine lebenslange Liebesgeschichte» die Entwicklung des Personalstils und die Ausbildung der musikalischen Identität Griegs: «Für Grieg war die Volkskunst Rohmaterial, das ,veredelt‘ werden musste, ehe es vor das grosse Publikum gebracht werden konnte.» In einer Bestandesaufnahme zeigt der Autor, in welchen Werken Grieg das Grundlagenmaterial aus der Volksmusiksammlung von Ludvig Mathias Lindeman verwendet hat.
Grieg war einer der beliebtesten Klavierkomponisten des 19. Jahrhunderts. Den Weg von der Konvention zur Modernität mancher Werke des «revolutionären Klangavantgardisten» zeichnet Joachim Dorfmüller, Professor in Münster und Präsident der Deutschen Grieg-Gesellschaft, auf in seinem Beitrag «Nordisch gehört: das Lyrische. Zum Charakteristikum schlechthin in Edvard Griegs Klavierschaffen». Der dramatischen Komponente in Griegs Werk geht Ekkehard Kreft, Leiter der Grieg-Forschungsstelle an der Universität Münster, am Beispiel der Schauspielmusik zu Ibsens «Peer Gynt» nach. Die drei Sonaten für Violine und Klavier untersucht der Beitrag des in Berlin tätigen Musikwissenschaftlers Axel Bruch.
Dem mit Notenbeispielen bereicherten Band sind u. a. eine Zeittafel zu Griegs Leben und Werk sowie bibliografische Hinweise beigegeben. (ws)
Musik-Konzepte, Band 127: Edvard Grieg. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 147 Seiten. € 18,-. Fr. 31.90.