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Musik-Konzepte: Frederick Delius

17.10.2008 — Was löst sich aus der Erinnerung, wenn der Name Frederick Delius fällt? Wer nennt seine Opern (darunter «A Village Romeo and Juliet» nach Gottfried Kellers Novelle), wer seine Orchester- und Chorwerke, seine Konzerte, die Lieder, die Kammer- und Klaviermusik?

1899 erst wagte der 37-Jährige den offiziellen Schritt in die Öffentlichkeit. Sein Handwerk hatte er in Florida erworben (wo er als Besitzer einer Orangenplantage kläglich in Konkurs ging), dann vertieft am Leipziger Konservatorium. In Edward Grieg fand er einen Förderer, in dessen Schaffen und in jenem von Wagner und Debussy Vorbilder. Delius liess sich in Paris nieder, wo er sich mit Paul Gauguin, August Strindberg und Edvard Munch befreundete. 1903 heiratete er die deutsche Malerin Helena «Jelka» Rosen, zog 1897 mit ihr nach Grez-sur-Loing, einem Ort südlich von Paris. Dort wohnte er mit Ausnahme der Jahre 1914 und 1915, die er in England, Norwegen und Dänemark verbrachte, bis zu seinem Tod.

In den Zehner- und Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts galt Delius (1862 als Fritz Theodor Albert Delius, Spross einer alten deutschen Kaufmannsfamilie aus Bielefeld, in Bradford, Yorkshire, geboren) in Deutschland als einer der Meister seines Fachs. Bald sank sein Renommee auf dem Kontinent, während sein Ruhm in England nicht zuletzt dank dem 1909 begonnenen nachhaltigen Einsatz des Dirigenten Thomas Beecham stieg und anhielt.

1895 hatte sich Frederick Delius mit Syphilis angesteckt, und nach und nach schwand seine Gesundheit – Mitte der Zwanzigerjahre war er gelähmt und erblindet, brachte Kompositionen mit Hilfe seiner Gattin und seines Assistenten Eric Fenby aufs Papier. 1929 wurde er in London mit einem grossen Festival unter Beechams Leitung geehrt. 1934, im Alter von 72 Jahren, starb Frederick Delius; ein Jahr später wurde sein Sarg auf den Friedhof von Limpsfield, Surrey, übergeführt.

Während Delius in seiner Heimat als Nationalkomponist eine feste Grösse geblieben ist, setzt sich im deutschsprachigen Raum erst in jüngerer Zeit eine neue Generation von Musikwissenschaftlern und Interpreten mit dem Schaffen Delius’ auseinander, verhärtete Klischees aufbrechend. Nach Jahrzehnten liegt nun in deutscher Sprache wieder eine Publikation über Delius vor mit Untersuchungen von acht Autoren und zwei Autorinnen.

«Dem Band geht es nicht um die Rehabilitierung eines angeblich verkannten Genies, geschweige denn um den Versuch, den Heroen der Musikgeschichte mit Delius einen sogenannten ,Kleinmeister’ an die Seite zu stellen», hält Herausgeber Ulrich Tadday im Vorwort fest. «Vielmehr ist die Absicht, den Blick auf die Musikgeschichte, die auch im 19. und 20. Jahrhundert nicht allein in Deutschland geschrieben wurde, zu öffnen und zwar aus einem gegenwärtigen ästhetischen Interesse heraus, das sich der musikgeschichtlichen Pluralität der europäischen Moderne verpflichtet fühlt und kritische Fragen an das ambivalente Œuvre eines Komponisten stellt, der in Deutschland zwar nicht unbekannt, doch viel zu wenig bekannt ist.»

Die zehn Beiträge richten den Blick zum einen auf grössere Zusammenhänge (James Deaville: Delius in der deutschsprachigen Rezeption. Rebekka Sandmeier: Delius und das Englische in der Musik. Julian Johnson: Natur bei Delius. Guido Heldt: Delius und die Idee einer Vokalmusik ohne Worte. Andreas Dorschel: Von Nietzsches zu Delius’ Zarathustra. Eric Saylor: Delius und die Texte Walt Witmans), widmen sich zum andern einzelnen Kompositionen bzw. Gattungen (Arne Stollberg: Wahrnehmung, Bild und Klang in «In a Summer Garden». Peter Revers: «Paris. The Song of a great City». Barbara Eichner: «A Village Romeo and Juliet». Anthony Gritten: Delius’ Konzerte).

Die einzelnen Aspekte, illustriert durch Notenbeispiele, tabellarische Aufstellungen und einige Abbildungen, fügen sich zu einem farben- und kontrastreichen Mosaik der Persönlichkeit, der künstlerischen Intentionen und des umfangreichen Schaffens von Frederick Delius und öffnen Zugänge zu Charakteristiken seines Werks.

Der Anhang enthält, wie üblich in den Musik-Konzepte-Bänden, Abstracts, bibliografische Hinweise, Zeittafel und Kurzporträts der Autorinnen und Autoren. (ws)

Frederick Delius. Reihe Musik-Konzepte, Band 141/142. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. VII/2008, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 207 Seiten mit Abbildungen und Notenbeispielen. € 26,00. Fr. 39.30.

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