31.03.2009 — Sie lebte zurückgezogen in St. Petersburg, wollte nicht fotografiert und interviewt werden und bat alle, «die meine Musik wirklich lieben, auf eine theoretische Analyse zu verzichten». Geboren wurde Galina Ustwolskaja 1919 in Petrograd (1924–1991 Leningrad, dann wieder St. Petersburg), ihre Studien absolvierte sie in Leningrad, war Schülerin von Schostakowitsch, anschliessend von 1947 bis 1975 Kompositionslehrerin an der Musikfachschule Leningrad; gestorben ist sie 2006.
Die Anforderungen ihrer Partituren und die zwei kontrastierenden Schaffensepochen wohl mehr noch als das kuriose, der Mystifizierung Vorschub leistende Analyseverbot (im Sinn von: Wer analysiert, liebt meine Musik nicht wirklich) mögen beigetragen haben zu einer, wie Stefan Weiss formuliert, «geradezu spektakulären Armut des gegenwärtigen Musikschrifttums an Ustwolskaja-Analysen». Mit den fünf Artikeln öffnet der jüngste Musik-Konzepte-Band nun konzentrierte Einblicke in das Schaffen der mit Sofia Gubajdulina bedeutendsten russischen Komponistin der zeitgenössischen Moderne.
In «Galina Ustwolskajas Œuvre im sowjetischen Kontext» behandelt Dorothea Redepenning die im Westen wenig bekannte kompositorische und ästhetische Entwicklung der Musikerin in der sozialistisch-realistischen Kunst-Diktatur. Nach einer zehnjährigen Schaffenspause war mit Komposition Nr. 1 «Dona nobis pacem» (1970/71) die sowjetische Thematik überwunden; fortan behauptete die religiöse Ausrichtung Raum und Wirkung. Der Beitrag enthält auch den Katalog der 25 gültigen und der 13 verworfenen Werke.
Stefan Weiss hat sich die 4. Klaviersonate (von insgesamt sechs) vorgenommen: «Auf der Suche nach dem Bauhüttengeheimnis der Gotikerin von St. Petersburg» untersucht er den formalen Verlauf und deutet das zugrunde liegende kompositorische Denken.
Mit dem Kammermusikschaffen Galina Ustwolskajas befasst sich Veronika Halser unter dem Titel «Flüchtiges in fester Form». Die vier Werke unterliegen, so die Autorin, einer merkwürdigen Ästhetik des Statischen, die Assoziationen zur bildenden Kunst, insbesondere zur Plastik zulassen.
Dass es zwischen Ustwolskajas Sinfonien und der Tradition der klassisch-romantischen Sinfonie keine Gemeinsamkeiten gibt und wie sich die in den Werken zitierten Gebetstexte auf deren Konzeption in Material, Verfahren und Form auswirken, erörtert Michael Zink («von religiösem Geist erfüllt»).
Unter den Bedingungen der sowjetischen Zensur publizierte Boris Katz 1980 seine «Sieben Zugänge zu einem Werk», nämlich zu Komposition Nr. 1 für Piccoloflöte, Tuba und Klavier (gedruckt 1976). Der Text erscheint erstmals wieder und als Dokument in seiner ursprünglichen (hier ins Deutsche übersetzten) Fassung. Katz schreibt dazu: «Es versteht sich von selbst, dass ich heute ganz anders schreiben würde. Heute ist die Tatsache der tiefen Religiosität der Musik Galina Iwanowna Ustwolskajas für niemanden mehr ein Geheimnis, doch damals konnte ich nur versuchen, so darauf hinzuweisen, dass das der Autorin nicht schadet.»
Im Anhang finden sich die Abstracts, bibliografische Hinweise, eine achtzeilige Zeittafel und die je umfangreicheren Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren. (ws)
Galina Ustwolskaja. Reihe Musik-Konzepte, Band 143. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. I/2009, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 102 Seiten mit Notenbeispielen. € 18,–. Fr. 32.90.