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Musik-Konzepte: Klangkunst

10.02.2009 — Eine Kombination von zwei Künsten, die Verbindung von Musik mit Bildender Kunst: Klangkunst. Oder, im besten Fall, Klang-Kunst, wenn denn das Ganze mehr ist als nur die Summe seiner Teile und wenn das so Zusammengebrachte, Verschmolzene zu neuen ästhetischen Erfahrungen führt. Der vorliegende, reich illustrierte Sonderband beleuchtet in elf Beiträgen Facetten der Klangkunst von den Anfängen bis in die Gegenwart; im Zentrum steht die Frage, was Klangkunst zur Klang-Kunst macht.

«Ein allen Erscheinungsformen der Klangkunst gemeinsames Kriterium ist das besondere Verhältnis zu Zeit und Raum. In der Wahrnehmung von Klangkunst wird die musikalische Zeit unabhängig vom Interpreten verräumlicht, aber auch der künstlerische Raum verzeitlicht, indem er zum Klingen gebracht wird.» Und des Weiteren hält Herausgeber Ulrich Tadday im Vorwort fest: «So wie die Klangkunst neue Räume der ästhetischen Wahrnehmung schafft, müssen für die Klangkunst neue Räume geschaffen werden, damit sie ihre Aura überhaupt erst entfalten kann.»

Einen Grund legenden historischen Überblick von der Vorgeschichte ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute mit Wandlungen, Parallelen und Zuordnungen leistet der eröffnende Essay «Klangkunst: Jenseits der Kunstgattungen. Weiterentwicklungen und Neubestimmungen ästhetischer Ideen» von Helga de la Motte. Wie hier, so auch in allen anderen Beiträgen stehen immer konkrete Schöpfungen und die Absichten ihrer Urheber zur Debatte. Und die Suche nach den Massstäben, Kriterien und Erklärungsmodellen, die beitragen zur Bewertung und Einordnung.

«Das Auftauchen des neuen Genres der Klanginstallation ist […] nicht allein vor dem Hintergrund der Kunstsynthese zu verstehen, sondern mit Land Art und Konzeptkunst als Befreiung der Kunst von dem Primat ihrer sinnlichen Erfahrbarkeit.» Volker Straebel widmet sich den ab 1967 realisierten Klanginstallationen, geht der Gründungsgeschichte, Techniken und Verfahren nach («Zur frühen Geschichte und Typologie der Klanginstallation»). In ihrem Beitrag «Ästhetische Erfahrung als Wahrnehmungsübung?» untersucht Sabine Sanio Aufführungssituation und Rezeption, Klangskulpturen, audiovisuelle Konzepte und Klangkunst im öffentlichen Raum. «Begreift man als entscheidendes Merkmal der Klangkunst ihre Unabhängigkeit vom Interpreten, dann wird deutlich, dass die Klangkunst auf einer grundlegenden Transformation der gesamten musikalischen Rezeptionssituation beruht.» Es gehe in der Klangkunst immer auch darum, «dass der Besucher einer Installation über den intensiven Wahrnehmungs- und Rezeptionsprozess schließlich in unmittelbaren Kontakt mit sich selbst kommt. Auch darin erweisen sich Klanginstallationen als Weg zur Entdeckung einer – inneren wie äusseren – Wirklichkeit.»

«Stimmung – Atmosphäre – Aura. Wahrnehmung in der künstlerischen Klanginstallation» ist Uwe Rüths Untersuchung betitelt, in deren Mittelpunkt er die drei Wahrnehmungsebenen des Menschen und ihr Zusammenspiel analysiert. «Die künstlerisch erschlossenen Räume bilden durch ihre ganzheitliche sinnliche Vereinnahmung – optisch, akustisch und taktil – die Qualität des ,erlebten Raums’ aus, der den Betrachter ganz isoliert und in Beschlag nimmt.»

Klangkunst und Klanginstallationen seien «Illusionskunst, unter anderem Nachfahren der englischen Landschaftsgärten», schreibt Wolfgang Heiniger in seinem Beitrag «Der komponierte Besucher. Über Zeitperspektiven in Klanginstallationen». Als Faustregel für eine Kategorisierung stellt er auf: Wenn die zeitliche Ausdehnung des (Klang-)Kunstwerks durch den Rezipienten nicht erlebt und erfasst werden kann, handelt es sich um eine Klanginstallation. Zur Erläuterung untersucht der Autor diverse Arbeiten und die Inszenierung der Besucher und ihre Reaktionsmöglichkeiten.

Ideen, emergente und performative Aspekte in Werkreihen unterschiedlicher Klangkünstler erforscht Julia H. Schröder in «Klangkunst von Komponisten» (Tsangaris, di Scipio, Stache und Minard). «Traditionell gestalten Komponisten die zeitliche Koordination verschiedener Stimmen oder Texturen. In der Klangkunst scheinen sie die räumliche Dimension als weiteren Parameter hinzu zu nehmen, ohne die zeitliche Gestaltung aufzugeben.»

Raumkörper, urbanistische Konzepte, temporäre Architekturen, Volumen, architektonische Körper mit Klang, Stadtraum als akustischer Raum sind Stichworte, Gropius, Schwitters, Le Corbusier, Buckminster Fuller, Frank Lloyd Wright, Hans Hollein Namen aus dem Beitrag Christoph Metzgers. Unter dem Titel «Architektur – Resonanz – Installation» diskutiert er Konzepte, Motive und Entwicklungen, die zu Fundamenten installativer Kunst und Klangkunst wurden.

«Klang kuratieren»: Warum die Klangkunst im Ausstellungsbetrieb eine untergeordnete Rolle spielt und mit welchen Problemen Kuratoren von Klangkunst konfrontiert sind, diskutieren in Form eines schriftlich geführten Dialogs die Sound-Art-Vermittler Bernd Schulz und Carsten Seiffarth.

Claudia Tittel erklärt in ihrem Aufsatz «Präsenz des Immateriellen», wie sich materialästhetische Aspekte von audiovisueller Installationskunst aus dem Verständnis eines veränderten Materialbegriffs der Bildenden Kunst ergaben: «Die Voraussetzungen für multimediale Installationen liegen vor allem in den grundlegenden materialästhetischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts, in denen sich das Material von formalästhetischen Kategorien und Strukturen in der Bildenden Kunst sowie der Musik emanzipierte.» (Collage, Ready Mades, Surrealismus, Minimal Art)

Als Versuch einer Annäherung an ein Verständnis des komplexen Prozesses der Veränderungen medialer Konstellationen im Lauf des 20. Jahrhunderts versteht Marion Saxer ihren Beitrag «Klangkunst im Prozess medialer Ausdifferenzierung». Ihre Grundthese: Die neu entwickelten Medien, zunächst die Tonträger und ihre Begleitmedien, zogen einen epochalen Umbruch in den für die Musikkultur grundlegenden Medienkonstellationen nach sich. «Dieser Umbruch hat den Prozess einer medialen Ausdifferenzierung der Musik freigesetzt, der sich nicht allein in der Überschreitung der künstlerischen und musikalischen Gattungsgrenzen manifestierte, sondern darüber hinaus ein Auslöser für den Prozess der Erweiterung der Darbietungsformen war, der sich bis in die Gegenwart erstreckt. Klangkunst bzw. Klanginstallationen lassen sich als einen Teilbereich dieses Ausdifferenzierungsprozesses verstehen.»

Der Sonderband enthält im Anhang die Abstracts, bibliografische Hinweise und die Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren. (ws)

Klangkunst. Sonderband der Reihe Musik-Konzepte. Neue Folge, herausgegeben von Ulrich Tadday. XI/2008, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München. 199 Seiten mit Abbildungen. € 27,–. Fr. 41.–.

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