Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Musik-Matura erhält schlechte Noten

Von Wolfgang Böhler

 

05.12.2008 — Vor einigen Tagen hat das Institut für Gymnasial- und Berufspädagogik der Universität Zürich einen Bericht zur Evaluation der Schweizer Maturitätsreform 1995 («Evamar II») vorgelegt (Details dazu finden sich unter dem URL http://www.sbf.admin.ch/evamar). Es handelt sich um die Ergebnisse der zweiten Phase der Überprüfung, wie sich die Neugestaltung der Schweizer Gymnasialausbildung auf die Leistungen der Mittelschüler auswirkt. Dabei ist es um die «objektivierte Erfassung des Ausbildungsstandes der Schülerinnen und Schüler am Ende des Gymnasiums» gegangen.

Wer die Resultate studiert, die von Absolventen mit Schwerpunktfach Musik erzielt worden sind, erlebt eine im ersten Moment böse anmutende Überraschung: Die «Musik-Maturanden» erzielen mit Blick auf die erhobenen Resultate für Erstsprache, Mathematik und Biologie nämlich durchs Band weg unterdurchschnittliche Leistungen.

Behindert die Beschäftigung mit Musik also die intellektuelle Entwicklung, anstatt sie zu fördern? Man könnte es meinen. Aber nur im ersten Moment. Denn wenn man die Resultate in einen grösseren Zusammenhang stellt, relativieren sie sich. Es sind nämlich nicht nur die Musik-Maturanden, die vergleichsweise bescheidene Leistungen erbringen, sondern auch diejenigen der Schwerpunktfächer «Philosophie/Pädagogik/Psychologie» und «Bildnerisches Gestalten», also alle, die ihre Interessen eher auf den Gebieten haben, die gemeinhin als musische oder humanistische gelten.

Muss nun also der Schluss gezogen werden (einige Politiker tun dies leider bereits), dass die «weichen» Fächer zugunsten der «harten», nämlich Mathematik, Naturwissenschaft und Sprachen eher zurückgefahren werden sollten?

Es wäre fatal. Die Ergebnisse lassen sich nämlich auch anders interpretieren: Es könnte ja sein (und die tägliche Erfahrung deutet tatsächlich auch darauf hin), dass die Vertreter musischer oder humanistischer Fächer − sowohl auf Seiten der Lehrer als auch der Schüler − der Idee, Leistung zu erbringen, skeptischer gegenüberstehen, als diejenigen der harten Diszipline. Oder mit andern Worten: dass Musik, Philosophie, Pädagogik, Psychologie und bildnerisches Gestalten nicht mit der gleichen professionellen Konsequenz und weniger zielorientiert betrieben werden, als Mathematik, Chemie und Wirtschaftsfächer.

Es ist auch möglich und würde durchaus ins gängige Bild passen, das von musisch orientierten Schülern in der Bevölkerung besteht, dass die am wenigsten leistungsbereiten Schüler am ehesten die Schwerpunktfächer «Philosophie/Pädagogik/Psychologie», «Musik» und «Bildnerisches Gestalten» wählen. Das könnte natürlich die Homogenität der zu vergleichenden Gruppen zerstört und zu statistischen Artefakten geführt haben, die über den Zustand der Fächer und ihre faktische Bedeutung für die Allgemeinbildung nichts aussagen.

Man könnte die Resultate auch aus einem andern Grund als Artefakt betrachten: Es müsste ja auf der Hand liegen, dass die Vertreter der weichen Diszipline schlechter abschneiden als diejenigen der harten, wenn vor allem die Leistungen in den harten zur Diskussion stehen. Dem steht beunruhigenderweise allerdings entgegen, dass die «Musiker» gegenüber den «Naturwissenschaftern» auch in der Beherrschung der Erstsprache tendeziell unterlegen sind.

Man kann das Resultat möglicherweise auch als Spiegel einer verhängnisvollen Mentalität sehen − dem Überbleibsel einer in linken wie rechten Kreisen verbreiteten wirtschafts- und wissenschaftskritischen Pädagogik −, die Leistungsbereitschaft und Leidensdruck per se als Gefahr für die seelische Gesundheit des Menschen und als Mittel von Manipulation und Beherrschung betrachtet und davon ausgeht, dass das Kind oder der Heranwachsende einen «Schonraum» braucht, bevor es ins harte Leben geht.

Im Grunde genommen ist das eine Geringschätzung sowohl der betroffenen Fächer (so wünschten sich etwa die Psychologen an den Universitäten in Mathematik gut geschulte Maturanden als künftige Studierende, weil sich das methodische Instrumentarium des Faches halt eben an naturwissenschaftlichen Standards orientiert) als auch der Schüler. Eine leistungsorientierte, fordernde Auseinandersetzung kann auch in Fächern wie Philosophie, Psychologie, bildnerischem Gestalten oder Musik die Mittelschüler vitaler, selbstbewusster und unabhängiger machen und ihnen zu einem echten seelischen Gleichgewicht verhelfen.

Die Ergebnisse von Evamar II sollten deshalb nicht den Schluss zulassen, dass die Beschäftigung mit Musik, bildnerischem Gestalten und Philosophie der Lebenstüchtigkeit eher schaden, sondern vielmehr, dass die Art, wie sie am Gymnasium vermittelt und ins Ganze des Stoffes eingebettet werden, optimiert werden muss. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

Schreibe einen Kommentar