15.09.2004 — Mit dem Thema «Musikermythen. Alltagstheorien, Legenden und Medieninszenierungen» befasste sich eine Ringvorlesung am Institut für Musik und Musikwissenschaft der Universität Hildesheim im Wintersemester 1999/2000. Für die nun vorliegende, von Claudia Bullerjahn und Wolfgang Löffler in der Reihe «Musik – Kultur – Wissenschaft» herausgegebene Druckfassung wurden die Vortragsmanuskripte überarbeitet und zum Teil erweitert.
Musik ist durch ihre Immaterialität und ihre häufig faszinierenden Hervorbringer für ein mythisches Verständnis prädestiniert. Insbesondere Persönlichkeit, Leben und Werk der grossen Meister sind infolge von lückenhafter Überlieferung für Verklärungen durch autobiografische Schriften, Künstlerlegenden und Gerüchte extrem anfällig. Ein Musikermythos bedarf der ständigen Wiederbelebung durch neue oder neu formulierte Alltagstheorien, Legenden und Medieninszenierungen, um gesellschaftlich relevant und aktuell zu bleiben.
Im ersten Teil des Bandes wird die Bedeutung des Mythos in der Antike und der heutigen Zeit aus philosophischer und aus tiefenpsychologischer Sicht beleuchtet. Der zweite Teil behandelt populäre Alltagstheorien, die sich vor allem auf Annahmen einer weltweiten Allgemeinverständlichkeit von Musik und deren Erfindung beziehen. Teil drei widmet sich Legendenbildungen um Schubert und Wagner sowie der Wechselbeziehung zwischen Fremd- und Selbstbild eines Künstlers. Abschnitt vier bringt verschiedene Facetten von Medieninszenierungen am Beispiel des Stars, der Rockband «Kraftwerk» und des Carmen-Mythos in Verfilmungen. Mit zwei antiken Mythen (Sirenen und Amphion) und deren Deutungen befasst sich der letzte Teil.
Jedem Beitrag ist ein Quellenverzeichnis beigegeben, und am Schluss des Bandes finden sich das Register und die einlässlichen Biografien der Autorinnen und Autoren.
Der Inhalt des Bandes
Teil 1: Grundlagen
– Tilman Borsche: Kein Logos ohne Mythos. Zur Geschichte einer verdrängten Herkunft
– Sönke Martens: Mythos aus tiefenpsychologischer Sicht
Teil 2: Alltagstheorien
– Reinhard Kopiez: Der Mythos von Musik als universell verständliche Sprache
– Gerd Grupe: «Frequently Asked Questions» an einen Musikethnologen. Zu einigen Mythen über aussereuropäische Musik
– Claudia Bullerjahn: Der Mythos um das kreative Genie. Einfall und schöpferischer Drang
– Hans-Joachim Erwe: Vom Mythos der Improvisation im Jazz
Teil 3: Legenden
– Rudolf Weber: Mythen und Legenden um die Entstehung von Schuberts «Unvollendeter»
– Ulrich Bartels: Wechselwirkungen zwischen Biografie, Mythos und Gesamtkunstwerk bei Richard Wagner
– Helga de la Motte-Haber: Jenseits des Künstlermythos
Teil 4: Medieninszenierungen
– Hans-Otto Hügel: «Weisst Du wieviel Sterne stehen?» Zu Begriff, Funktion und Geschichte des Stars
– Andreas Hoppe: «Kraftwerk» – Mythos oder Marktstrategie?
– Claudia Bullerjahn: «Carmen» – eine Projektionsfläche. Vergleichende Untersuchung von ausgewählten Verfilmungen (mit Filmografie 1900–1990)
Teil 5: Antike Mythologie
– Walter Salmen: Sirenen sangen Hadesweisen. Wandlungen eines Mythos vom Altertum bis heute
– Wolfgang Löffler: «Der Klang der Harfe Amphions fügte die Steine zu Mauern und Türmen zusammen, und Theben stand da». Versuch einer Mythendeutung oder «Kein Mythos ohne Logos»
(ws)
Musikermythen. Alltagstheorien, Legenden und Medieninszenierungen. Herausgegeben von Claudia Bullerjahn und Wolfgang Löffler als Band 2 der Reihe «Musik – Kultur – Wissenschaft». Georg Olms Verlag, Hildesheim 2004. 426 Seiten mit 25 Abbildungen und Notenbeispielen. € 58,–.