Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

Muss die öffentliche Schule Musik vermitteln?

Von Wolfgang Böhler

 

18.02.2011 — Es wäre an der Zeit, in der Kultur- und Bildungspolitik-Debatte einige Dinge etwas aufzudröseln. Vieles läuft da falsch, weil alle etwas anderes meinen, wenn sie von Kultur, Kulturbildung und Kulturförderung sprechen. Da wird allzu vieles zum ungeniessbaren Argumentenbrei vermanscht. Die «Kultur ist Sache der Kultur»-Fraktion lehnt etwa regelmässig die Förderung von Kulturinfrastrukturen und Kompetenzvermittlungen mit dem Argument ab, da werde Indoktrination betrieben. Musikunterricht solle nicht Sache der öffentlichen Schule sein, weil die Kunst frei bleiben müsse.

Was für ein Blödsinn. Kindern Notenlesen, Quintenzirkel, Rhythmen und Musikgeschichte zu vermitteln, ist gegenüber der praktischen Musikausübung genauso neutral wie das Lesen und Schreiben lernen gegenüber individuellen Vorlieben in Sachen Lektüre. Es käme ja selbst rechtsbürgerlichen Hardlinern nicht in den Sinn, Deutschunterricht aus der Schule zu verbannen, weil Deutschlehrer bestimmte ästhetische (und politische) Vorlieben haben. Weshalb soll dies mit Blick auf Musik, bildnerisches Gestalten oder Theaterspielen anders sein?

Dass ästhetische Bildung in der Schule als Sonderfall betrachtet wird und nicht einfach als Vermittlung fundamentaler Kulturtechniken, daran sind auch die Linken nicht unschuldig. Sie haben’s Verstehen vom Einüben abgekoppelt (wichtig sei, dass man etwas wirklich verstehe, hiess ihre Devise nach 68, Repetieren und Üben seien dagegen geistlos). Und sie haben es zu einer elitären Einstellung weiterentwickelt: Der gebildete Bürger braucht bloss zu verstehen, die «geistlose Routinearbeit» dürfen die anderen machen. Und mit Verstehen sind dann auch gleich gesellschaftskritische Welterklärungs-Modelle gemeint, die von bornierter Besserwisserei häufig nicht weit entfernt sind.

Dabei ist die Sache im Grunde genommen doch einfach: Kulturtechniken sollen den mündigen Bürger befähigen, sich selbstverantwortlich, frei, kritisch und mit Gemeinschaftssinn in der Welt bewegen zu können. Was er dazu braucht, sind Lesen, Schreiben, Rechnen und die Fähigkeit, Erfahrungen zu machen, richtig einzuordnen und mittzueilen.

Letzteres hat viel mit der Beherrschung des eigenen Sinnesapparates zu tun. Und dieser muss genauso wie das Sprach- und Rechenvermögen geschult werden.

Zu den dazu vermittelten Kompetenzen gehören Notenlesen, musikalische Strukturen und den Farbkreis verstehen, Perspektive anwenden können, Purzelbäume, Rad schlagen, einen menschlichen Körper zeichnen können, gute von schlechten Metaphern unterscheiden, eine Stange hochklettern können, Ironie, Hyperbolen und Ellipsen erkennen können und verwenden. Und Strategien, um solche Fähigkeiten einzuüben, gehören auch dazu.

Dabei ist vollkommen unerheblich, ob diese Fähigkeiten in der realexistierenden Wirtschaft nun gerade gefragt sind oder nicht, und wenn ja, welche davon und welche weniger. Es gibt in dieser Hinsicht ein staatsphilosophisches Primat der Politik gegenüber der Wirtschaft – auch im Interesse letzterer. Bedürfnisse der gegenwärtigen Wirtschaft sind immer kurzfristiger Art, die Beherrschung der Kulturtechniken – dazu gehört eben auch die Schulung der Sinne – dagegen zeitlos.

Erst wenn sie ideologiefrei, aufs Handwerkliche konzentriert und ohne Repressionen vermittelt werden, befähigen sie künftige Staatsbürger, wenn’s für sie dann mal draufankommt, dazu, Herausforderungen zu meistern, von denen wir heute noch keine Ahnung haben können. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

Schreibe einen Kommentar