10.03.2009 — Zu einer Reise durch ganz Deutschland und durch fünf Jahrhunderte lädt Martin Balz mit seinem grossformatigen Bildband «Göttliche Musik. Orgeln in Deutschland». 73 Instrumente von Dorf-, Stadt-, Stifts-, Abteikirchen und Domen sind hier charakterisiert und dokumentiert in konzentriertem Text und ganzseitigem Farbbild.
Der Autor – Orgelspezialist und Schriftleiter der von der internationalen Gesellschaft der Orgelfreunde herausgegebenen Zeitschrift «Ars Organi» – gliedert das Gebiet in vier auf Charakteristika des Orgelbaus, der Orgeltypen und der Orgelliteratur abstützende Regionen: Norddeutschland (vorgestellt werden 20 Instrumente), Sachsen und Thüringen (21), West- und Südwestdeutschland (20) und Süddeutschland (12). Eingetragen sind die Orte (ausser Nägelstedt) auf einer Übersichtskarte.
Nicht nur auf grosse Werke, deren mächtigste in den Domen zu Schwerin, Berlin und Zwickau stehen, hat sich Martin Balz konzentriert, sondern manches kostbare kleine Instrument einbezogen, darunter das pedallose von Worfelden mit sechs Registern samt Tremulant und jenes mit elf Registerzügen und angehängtem Pedal in Veldhausen. Einige Orgeln konnten nicht berücksichtigt werden, weil sie wegen Restaurierungsarbeiten ausgebaut waren.
Geordnet sind die Orgeln unter den vier Regionen nach dem Jahr der Entstehung oder Fertigstellung: Die zwei ältesten der historischen Instrumente gehen zurück auf 1624 (Tangermünde, Worfelden), die beiden jüngsten Orgeln stammen von 1974 (grosse Domorgel in Trier) bzw. 1990 (Katharinenkirche Frankfurt a. M.). Selbstverständlich erfuhren alle Instrumente im Lauf der Zeit mehr oder weniger starke Eingriffe in ihre Substanz, wurden in jüngerer Zeit aber in Aussehen und Klang so weit wie möglich in den ursprünglichen Zustand zurückgeführt.
Der Betrachter findet in den ganzseitigen Farbfotografien der Orgeln die visuellen Aspekte; dem Textteil auf der gegenüberliegenden linken Seite entnimmt er Informationen zum sakralen Bauwerk, seiner Lage, seinem Innenraum; zur Orgel selbst erfährt er Einzelheiten zum Erbauer und zur Baugeschichte, zu inneren und äusseren Konstruktionsmerkmalen, zu Veränderungen, Umbauten und Restaurierungen im Zeitenlauf. Detailliert aufgeführt bei jedem Werk sind seine Disposition, der Tonumfang, die Art der Traktur und Besonderheiten. Regelmässig sind in der Textseite kleinere, ebenfalls farbige Abbildungen eingerückt wie Fotos der Kirche, des Innenraums, der zweiten Orgel, der Spielanlage, Ausschnitte von Registerzügen, Pfeifen und Prospekten.
Üppig und von hohem ästhetischem Reiz ist der Augenschmaus. Hier und dort indes erkennt man, wie heikel das Fotografieren der Orgelprospekte ist in Räumen mit Seiten- und/oder Gegenlicht, in denen der Kontrast zwischen einfallendem Sonnenschein und Schattenbereichen nicht auszugleichen ist. Es führte gelegentlich zum Ausbleichen heller Stellen oder bei den beiden Abbildungen der Orgel der Augustinerkirche Mainz zu zwei grundsätzlich differierenden Farbtemperaturen. (Immerhin nicht uninteressant als Beleg dafür, wie der Farbklang des Raums die Eigenfarbe eines Objekts übertönen kann.)
Dem typografisch elegant gestalteten Band hat Martin Balz ein 30-seitiges kenntnisreiches Einführungskapitel mitgegeben, in dem er die Frühgeschichte und die Geschichte der Orgel, des Orgelbaus, der Orgellandschaften und der Orgelmusikformen in Deutschland vom 9. Jahrhundert bis zur Gegenwart darstellt. Die Anschriften der Gotteshäuser, Literaturverzeichnisse, ein Glossar mit Fachausdrücken und ein Register der Orgelbauer finden sich im Anhang.
Zitat aus dem Buch:
«Fast jede ältere Orgel ist späteren Stilepochen mehr oder weniger angepasst worden. ,Originalinstrumente’ im strengen Sinn sind also umso seltener, je älter sie sind. Der heutige Standard von Restaurierungen gleicht dies freilich in gewisser Weise aus, sodass doch eine ansehnliche Zahl von Orgeln den Originalzustand wenn nicht verkörpert, so doch spiegelt. […] Im Gebiet der ,alten Bundesländer’ der Bundesrepublik Deutschland standen in den Nachkriegsjahrzehnten ausreichende Mittel für die Orgelpflege zur Verfügung, sodass es hier heute einen gut gepflegten Orgelbestand gibt. Das war in der DDR nicht der Fall. […] Immer noch sind viele Orgeln in den neuen Bundesländern in ihrem Bestand gefährdet.»
(ws)
Martin Balz: Göttliche Musik. Orgeln in Deutschland. 230. Veröffentlichung der internationalen Gesellschaft der Orgelfreunde. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2008. 140 farbige Abbildungen. 208 Seiten. € 49.90. Fr. 83.90.
Siehe auch:
Geschichte der Klavier- und Orgelmusik
Lexikon der Orgel
Lexikon Orgelbau