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Paralleluniversen in der Schweizer Kulturpolitik

Von Wolfgang Böhler

 

20.08.2010 — Wer ein Lehrstück in Sachen Schweizer Förderalismus und Kulturpolitik sucht, ist mit den Entwicklungen rund um die Kulturinstitutionen der Bundesstadt zur Zeit gut bedient. Auf Bundesebene wird gegenwärtig die Kulturbotschaft zur Umsetzung des Kulturförderungsgesetzes (KFG) ausgearbeitet, und die Berner Regionalkonferenz legt Pläne zur Neuorganisation der Finanzierung der städtischen Museen, Theater und Konzerte vor. Was das eine denn mit dem andern zu tun habe, hören wir schon fragen. Eben.

Eine Bundesstadt repräsentiert, wie es der Name ja schon sagt, den Bund. Das Bundesamt für Kultur beschäftigt sich aber – mit Ausnahme der Nationalbibliothek, in deren Räumen es sich befindet – mit allem andern ausser den Institutionen, die Bundesstadt-Kultur repräsentieren (obwohl es geografisch betrachtet mitten in einem Gewühl von Museen und Bildungseinrichtungen situiert ist – Kunsthalle, Historisches Museum, Alpines Museum, Naturhistorisches Museum, Gymnasium, Museum für Kommunikation – und sich globalen Kräften wie der eBay-Zentrale und der Vertretungen von Indien und Taiwan direkt gegenübersieht; sinnigerweise gehören zu den Nachbarn in unmittelbarer Nähe auch die Swissmint, die in der Schweiz fürs nötige Kleingeld sorgt. Nirgendwo sind Geld und Geist so bedeutungsträchtig vereint wie im Berner Kirchenfeldquartier).

Die Regionalkonferenz Bern-Mittelland, die für die Subventionsverträge der fünf Institutionen Stadttheater Bern, Berner Symphonieorchester, Kunstmuseum Bern, Bernisches Historisches Museum und Zentrum Paul Klee zuständig ist, eröffnet die Konsultation zu den Eckwerten der Kulturverträge 2012 bis 2015; sie stellt jährlich 55,8 Millionen Franken in Aussicht.

Sie plant, wie früher angekündigt, Stadttheater und Symphonieorchester zusammenzulegen, unter Wahrung der vier Sparten Ballett, Schauspiel, Symphonie und Oper. Die Anzahl Vorstellungen im Musiktheater soll leicht reduziert werden. In der Technik sollen 700 und beim Orchester 500 Stellenprozente abgebaut werden. Das Schauspiel hingegen soll um 600 Stellenprozente aufgestockt werden.

Die Gesamtverantwortung für das fusionierte «Musik-Theater-Bern» soll in der Hand eines Geschäftsführers liegen. Das heisst, auf Führungsebene dürften zwischen Theater und Orchester noch einige Machtkämpfe ausgetragen werden. Zu den Plänen können nun 81 Regionsgemeinden, Stadt, Kanton und Burgergemeinde Stellung nehmen. Es gibt Gemeinden, die deutlich mehr als bisher an die Subventionen bezahlen sollen. Da ist Widerstand vorprogrammiert.

Auch der Bund lässt sich vernehmen. Noch bis 24. November läuft eine Anhörung zur konkreten Umsetzung des KFG, die Städte, Kantone, Kulturverbände und weitere Interessierte einbezieht. Am 15. September gibt es dazu einen Informationstag. Bis Januar 2011 soll die Botschaft aufgrund der Anhörung überarbeitet werden. Im Februar 2011 soll der Bundesrat die Botschaft verabschieden. 2011 geht sie wieder ins Parlament.

Das sind planerische Paralleluniversen. Bedenklich ist dies erst recht, wenn man sich daran erinnert, dass gerade auch noch die Metropolitanregionen der Schweiz neu definiert worden sind, und sich Bern als Hauptstadtregion neu positionieren will. Als Treuhänderin nationalen Kulturverständnisses sieht sie sich aber offenbar (noch) nicht. Etwas mehr Druck beim Bund, sich in der Hauptstadt-Kultur stärker zu engagieren, könnte da vielleicht nicht schaden. (wb)

Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.

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