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11.09.2009 — Der Nationalrat hat diese Woche in Differenz zum Ständerat die Absicht bekräftigt, im Kulturförderungsgesetz der Pro Helvetia volle Autonomie zu gewähren. Das heisst, er will der nationalen Kulturstiftung die Definition ihrer Strategie selber überlassen. Keine Chance hatte ein Minderheitsantrag von Seiten der bürgerlichen Mitteparteien, angeführt vom Zürcher FDP.Die Liberalen-Mann Ruedi Noser. Er beantragte, die Strategie-Kompetenz wie vom Ständerat beabsichtigt dem Bundesrat zu übertragen, den entsprechenden Artikel aber um den folgenden Passus zu ergänzen: «Der Bundesrat achtet dabei auf die operative und künstlerische Freiheit». Noser hat laut Ratsprotokoll erklärt, er könne dem Rat «versichern, dass (…) die Kultur- und Kunstschaffenden mit diesem Minderheitsantrag sehr gut leben» könnten. Es ist ja nicht das erste Mal, dass er sich selber zum Sprachrohr der «Kultur- und Kunstschaffenden» macht. Schon als es um die Einführung eines Kulturrates ging, gab Noser sich überzeugt, dass dies eine Forderung «von etwas älteren Kulturschaffenden» sei, denn junge Kulturschaffende wüssten, dass die Meinungsbildung über Kultur nicht über einen Kulturrat zu geschehen habe.
Man möchte ja wissen, woher der IT-Unternehmer über die Befindlichkeit der Kulturschaffenden so genau im Bild ist und wer in der Kulturszene seine Einflüsterer sind (übrigens sieht die Innovationsstrategie der FDP.Die Liberalen, die Noser speziell am Herzen liegt, die Einführung eines Innovationsrates vor – Kulturschaffenden trauen die Freisinnigen wohl bloss eitles Palaver zu, wohingegen Ingenieure, die sich an den Runden Tisch setzen, in ihren Augen selbstverständlich in der Lage sind, dies bloss zum Wohl des Landes zu tun). Wie’s in Sachen Pro-Helvetia-Autonomie weitergeht, liegt nun wieder in den Händen der Ständeräte.
Pro Helvetia hat – etwas spät, denn das Kulturförderungsgesetz ist in den Räten ja mitterweile praktisch durch – ein Programm gestartet, mit dem der Dialog zwischen Kultur und Politik angeregt werden soll. Dabei finden unter dem Motto «Ménage – Kultur und Politik zu Tisch» in den kommenden zwei Jahren in verschiedenen Städten Debatten zu lokalen Themen der Kulturpolitik statt, die für den nationalen Diskurs exemplarischen Charakter haben (kommende Stationen sind Aarau, Bellinzona und St. Gallen). Zum Programm gehört unter dem Titel «Helvetia Park» auch eine Wanderausstellung, die zur Zeit in vollem Umfang im Neuenburger Musée d’ethnographie zu sehen ist (www.men.ch/helvetia_park).
Da wird das Gerangel der unterschiedlichen Kulturformen als Putschauto-Karambolagen inszeniert, und frühere Kunstskandale – Holders Marignano-Bild, Sennentuntschi im Fernsehen, Hirschhorn-Affäre etc. – als gfürchige Geisterbahn. Mit Bällen lassen sich Sündenböcke abschiessen, und ein Karussell lässt ewig wiederkehrende Kulturanlässe im Kreis tanzen. Eine ziemlich vergnügliche Sache. Die Attraktionen lassen sich übrigens mit eigens für die Ausstellung kreierten Münzen (herzallerliebsten, goldigen «Heidis») aktivieren, die in der Ausstellung abgegeben werden und vermutlich in manchen Hosentaschen beim Verlassen der Ausstellung zum Devisenschmuggel-Souvenir werden.
Die Debatten begleitet Pro Helvetia mit einem weiterführenden Blog. Offizielle Blogger sind der freie Journalist Andrea Tognina, Christine Salvadé von der Welschschweizer Tageszeitung Le Temps und – meine Wenigkeit. Die Einladung zur Partizipation an dem Programm hat mich in nicht geringem Masse erstaunt, bin ich der Pro Helvetia und ihrem Direktor Pius Knüsel publizistisch doch schon einige Male auf die Füsse getreten. Knüsel hat in einem zufälligen Gespräch am Rande der Pressekonferenz zur Eröffnung des «Helvetia Park» in Neuenburg erklärt, ich sei in der Schweiz halt einer der wenigen noch übriggebliebenen Polemiker auf diesem Gebiet. Das hat mich erst recht erstaunt, denn von Natur aus bin ich alles andere als polemisch veranlagt. Wenn man politisch relevante Themen allerdings jahrelang nüchtern und sachlich darzulegen versucht und dabei die Erfahrung macht, dass kein Sch… davon Notiz nimmt, wird man aus purer Verzweiflung zum verbalen Scharfschützen.
Der Blog mit meinem ersten Beitrag – Gedanken zur ersten Debatte, die in Neuenburg zwischen der Konservatorin des Kunstmuseums La Chaux de Fonds Lada Umstätter und dem FDP.Die Liberalen-Sekretär Mathieu Erb stattgefunden hat, findet sich im Web unter: www.menage-carnotzet.ch. Rege Teilnahme aller Interessierten am Blog ist natürlich von allen Seiten erwünscht. (wb)
Der Musikphilosoph Wolfgang Böhler (M.A.) studierte an der Universität Bern Wissenschaftstheorie, Mathematik und Musikwissenschaft. Er ist Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins.
