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Reclams Liedführer

14.01.2009 — Als Werner Oehlmann 1973 im Reclam-Verlag seinen Liedführer vorlegte, wurde er als Pionier gewürdigt. Sein über 1000-seitiger Band war das erste dem solistischen Kunstlied vom Mittelalter bis zum 20. Jahrhundert gewidmete Handbuch. Während drei Jahrzehnten hat es sich als Nachschlagewerk bewährt. Nun ist es für die 6. Auflage gründlich überarbeitet, aktualisiert und gewichtig erweitert worden: Die Hälfte des neuen Liedführers haben Axel Bauni, Kilian Sprau und Klaus Hinrich Stahmer neu verfasst.

Unbestritten sind die Stärken des Handbuchs von Werner Oehlmann (1901–1985; Leiter der Städtischen Musikschule in Braunschweig, dann Redakteur beim Nordwestdeutschen Rundfunk, ab 1950 beim Berliner Tagesspiegel; Verfasser weiterer Reclam-Musikführer), offensichtlich zu Tage traten aber auch die Schwächen.

Als Hauptmangel erwies sich, dass der Autor das Liedschaffen, geordnet nach Stilbereichen, Ländern und Komponisten, in einem von der Aussenwelt und den je aktuellen historischen, wirtschaftlichen und sozialen Ereignissen und Umbrüchen weitgehend herausgelösten, quasi politisch aseptischen Kontext würdigte. Folgerichtig lag es nicht in Oehlmanns Wahrnehmung, Komponisten und deren Textautoren auf ihre politische oder moralische Gesinnung zu durchleuchten. Keineswegs marginal sind diese Aspekte.

Die literarische Vorlage (in der Regel ein Gedicht), die ein Komponist vertont, kann nicht nur seine aktuelle persönliche Befindlichkeit (jene des Künstlers, jene des politisch Indifferenten, Labilen oder Enragierten) widerspiegeln, sondern auch deutliche Hinweise geben auf die Zeitumstände, die den Kunstschaffenden und sein Werk offensichtlich oder untergründig mitprägen. Dies hilft, differenziert zu beurteilen und umfassendere Einsichten zu gewinnen.

Hier liegt denn auch eine der herausragenden Qualitäten der Neuauflage: Das Autorentrio verankert die Komponisten und ihr Schaffen ganz konsequent in ihrer historischen Gegenwart, gibt ihnen ein Gesicht auch als Handelnde in ihrer gesellschaftlichen Verantwortlichkeit gegenüber der Gemeinschaft.

Das erweist sich in den einzelnen Überarbeitungen von Oehlmanns Text und in den darin eingeschobenen Artikeln (Fanny Hensel, Biedermeier und frühe Romantik, Robert Schumann, Clara Schumann, Hugo Wolf, Skandinavien). Der neu verfasste zweite Teil beginnt ab dem geschichtlichen Wendepunkt um 1870/1871. Bereits die Gliederungstitel signalisieren den Wechsel des Blickwinkels: Heisst es bei Oehlmann Vom Mittelalter bis zum Ende des Barock; Aufklärung und Klassik; Romantik, so im Folgenden Kaiserzeit und Fin de Siècle; Zwischen den Weltkriegen; Von der Nachkriegszeit bis heute. Das Autorenteam zeichnet die wichtigsten Entwicklungen und markanten Stationen nach, führt zu erhellenden Erkenntnissen, ermöglicht aus der zeitlichen Distanz Neubeurteilungen des Liedschaffens in den Gründerjahren und im Kaiserreich, in der k. u. k. Monarchie und im Fin de Siècle in Frankreich.

Nur folgerichtig, dass die Situation in Deutschland und Österreich zwischen 1918 und 1933, dann von 1933 bis 1945 gesondert und breit dargestellt wird. Während sich Oehlmann in seinem «Überblick über die Liedkomponisten und Liedformen der Gegenwart» (1. Auflage, 1973, ab Seite 856) die «konservativen, mehr oder weniger streng am Tonalitätsprinzip festhaltenden Liedkomponisten» in einer chronologisch nach Geburtsjahren geordneten Reihe vorstellt (und dabei die Komponisten in einen von der Aussenwelt abgeschotteten Raum stellt), erläutern und reflektieren Axel Bauni, Kilian Sprau und Klaus Hinrich Stahmer deutlich und klar Ideologie, Grundsätze und Folgen der «kulturpolitischen Machenschaften des Dritten Reiches und im weiteren Verlauf auch der DDR» sowie die Repressionen und Verfolgungen in der Sowjetunion unter Stalin. Benannt werden Mitläufer und Verweigerer, Patrioten und die in die äussere, die in die innere Emigration Getriebenen, Zudiener und Protestierende, Ausgegrenzte und Ermordete. Dies auch aufgrund der von ihnen vertonten, unzweifelhaft zu deutenden Texte verfehmter Dichter oder staatlich approbierter Verfasser. Regelmässig kommen aussermusikalische Inspirationsquellen und zeitübergreifende Dichter (darunter Hölderlin und Celan) zur Sprache.

Herausgearbeitet sind die unterschiedlichen künstlerischen Entwicklungen und Akzentsetzungen in der Bundesrepublik und in der DDR. Eigene Beiträge erhalten haben beispielsweise Korngold, Dessau, Weill (bei Oehlmann 1 Druckseite, hier nun 5½), Henze, Killmayer, Reimann und Rihm. Einbezogen hat das Autorentrio zudem die Kunstlied-Traditionen ausserhalb des zentraleuropäischen Raums (Nord-, Ost- und Südeuropa, Israel, die USA, Kanada, Lateinamerika) sowie die Ausformung von Nationalstilen.

Erik Daumann stellte das Verzeichnis der Komponisten und Dichter zusammen, das im Vergleich zur Erstausgabe von 1973 auf den doppelten Umfang gewachsen ist.

Bleibt die Hoffnung, dass späterhin auch der erste Teil dieses auf dem Gebiet des Kunstlieds massgebenden Handbuchs einer Neufassung unterzogen wird. (ws)

Axel Bauni, Werner Oehlmann, Kilian Sprau, Klaus Hinrich Stahmer: Reclams Liedführer. Mit 401 Notenbeispielen. 6., völlig neu bearbeitete Auflage. Verlag Philipp Reclam, Stuttgart 2008. 1315 Seiten. € 38,90. Fr. 65.90.

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