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Renate Klöppels «Kunst des Musizierens»

11.12.2003 — Renate Klöppels Buch ist ein Glücksfall. Zum einen ist die Autorin gleich zweifach für ein derartiges Unternehmen prädestiniert: Als ausgebildete und praxisbewährte Kinderneurologin absolvierte sie ein Zweitstudium zur Musiklehrerin und hatte dabei die Gelegenheit, professionelle Musikpädagogik an ihrem medizinischen Wissen zu messen. Zum andern ist das Buch nicht einfach rasch hingeschrieben worden. Als Grundlage diente eine wissenschaftliche Arbeit, deren Erkenntnisse bloss noch in eine für den nicht medizinisch gebildeten Musiker goutierbare Form gebracht werden wollte.

Entstanden ist eine erfrischend sachliche Tour d’horizon durch alle praktischen Aspekte des Musizierens, die ohne jegliche Polemik verschiedene pädagogische Schulen und Ansätze zu Wort kommen lässt und auch widersprechende wissenschaftliche Befunde gegeneinander abwägt.

Das Buch ist in zwei Teile – einen praktischen und einen theoretischen – unterteilt. Der erste enthält eine Menge nützlicher Tipps, allerdings eher unsystematisch und anekdotisch präsentiert. Der zweite gibt Auskunft über die Funktion von Nervensystem und Sinnesorgane. Ein eigenes Kapitel ist dabei der Tiefensensibilität (Kinästhesie) gewidmet, die auch im ersten Teil bereits eine wichtige Rolle spielt. Klöppel weist in diesem Zusammenhang zu Recht immer wieder auf die Bedeutung hin, welche die Wahrnehmung des eigenen Körpers und seiner Bewegungen beim Musizieren einnimmt.

Ebenfalls positiv fällt auf, dass die Autorin den in der Musikpraxis viel strapazierten Begriff der Emotion wie die meisten Autoren, die ähnliche Bücher verfassen, nicht einfach als gegeben hinnimmt, sondern die Theorien von William James und Karl Lange expliziert und auch spätere Kritiken an dem mittlerweile klassischen Ansatz nicht unterschlägt.
In den Text, der ursprünglich aus dem Jahr 1993 stammt, hat die Autorin in der frisch erschienen dritten Auflage die Resultate der letzten zehn Jahre in der Hirnforschung eingewoben. Laut ihrem eigenen Vorwort sind auch die Kapitel über das Gedächtnis mit neuen Erkenntnissen aus Neurobiologie und Psychologie, die Konsequenzen für Strategien des Übens haben, ergänzt worden.
Klöppels Buch hat das Zeugs zu einem Standardwerk der Musikpädagogik und sollte zumindest für alle angehenden Musiklehrerinnen und -lehrer zur Pflichtlektüre gemacht werden. (pb)

Renate Klöppel: Die Kunst des Musizierens – von den physiologischen und psychologischen Grundlagen zur Praxis, Schott Verlag, dritte, vollständig überarbeitete Auflage, Mainz 2003

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