Drücke „Enter”, um zum Inhalt zu springen.

René Clemencic feiert seinen 80. Geburtstag

27.02.2008 — Am 22. Juni 1958 fand im Mönchssaal des Stiftes Heiligenkreuz bei Wien ein Konzert mit spätgotischer Sakralmusik statt − durchgeführt von einem noch namenlosen Ensemble, das mit viel Leidenschaft und künstlerischer Neugier vom damals dreissigjährigen René Clemencic organisiert worden war. Diese Woche feiert der Pionier der Alte-Musik-Bewegung seinen 80. Geburtstag. Das Konzert war das Vorspiel zum Konzertzyklus «Musica Antiqua» im Brahmssaal des Wiener Musikvereins, der einen bedeutenden Teil des musikalischen Lebenswerks Clemencics ausmacht. Bereits vor einem Jahr ist er in der liebevoll und aufwendig gestalteten Chronik «René Clemencic Musica Antiqua − Lebendige Alte Musik» dokumentiert worden. 152 Konzerte zählte die Reihe zwischen 1966 und 2005. Der Clemencic Consort hatte dabei zunächst selber den Namen Musica Antiqua erhalten. Nach einem Bruch 1968 mit dem alten Ensemble und einer Zwischenphase 1974, in welcher das personell erneuerte Ensemble als Capella Musica Antiqua auftrat, setzte Clemencic die Reihe in den siebziger Jahren mit seinem Clemencic Consort fort.

Beim grossen Publikum stand Clemencic immer etwas im Schatten seines Wiener Kollegen Nicolaus Harnoncourt, der − ebenfalls 1958 − mit seinem Concentus Musicus Wien die Bewegung der historischen Musizierpraxis mitinitiiterte. Zum eine dürfte das daran gelegen haben, dass Harnocourt auch ein ausgesprochenes Talent der Selbstvermarktung besass (und besitzt) und sich zunächst auf die Aufarbeitung der Barockmusik konzentriert hat. Diese sind für das allgemeine Publikum zugänglicher als die Renaissance- und Mittelalter-Klänge, denen sich Clemencic verschrieben hatte. Die Barock-Bewegung hatte in der Aufbruchszeit der fünfziger Jahren in der Cappella Coloniensis überdies in Köln ein Gravitationszentrum. Initiiert worden war sie von August Wenzingers, der auch die Geschicke der Basler Schola Cantorum wesentlich mitgeprägt hat.

Der geistige Horizont Clemencics, der neben Musik auch Philosophie und Mathematik studiert hat, reicht aber weit über die vorbarocke Klangwelt hinaus. Als Komponist bewegte er sich ab den neunziger Jahren in der Tradition der musikalischen Zahlenmystik. Die hindemithsche Kompositionstheorie erwarb er sich bei Hans Ulrich Staeps, und − nein nicht Schönbergs, sondern Hauers − Zwölftonlehre bei Johannes Schwieger. Für sein Oratorium «Kabbala» vertiefte er sich überdies in die jüdische Mystik, und rund um die Kammeroper «Der Berg», die 2003 am Carinthischen Sommer zur Uraufführung gelangt ist, fanden auch zenbuddhistische Denkweisen Eingang in sein spirituelles Unviersum.

Überdies ist Clemencic ein leidenschaftlicher Sammler von Skulpturen aller Epochen. Die aus aller Welt zusammengetragenen Kunstwerke machte das Museum Belvedere vor rund vier Jahren in der Ausstellung «Wandlungen: Ereignis Skulptur» zugänglich. Die Wiener Fotografin Christine de Grancy hat die Ausstellung in einem bemerkenswerten Buch dokumentiert, das im gleichen Verlag wie die hier vorgestellte Chronik erschienen ist.

Der reich illustrierte Band «René Clemencic Musica Antiqua − Lebendige Alte Musik» regt an zum Stöbern und tiefergehenden Entdecken von Clemencics musikalischem Kosmos. Zwei begefügte CD geben überdies einen lebhaften akustischen Eindruck der Konzertreihe. Da ist es zu bedauern, dass sich die kundigen Texte wegen des Fehlens von Inhaltsverzeichnis und Schlagwortregister dem eiligen Rechercheur als Nachschlagewerk nicht unbedingt andienen. (wb)

«René Clemencic − Lebendige Alte Musik», Bucher Verlag, Hohenhems 2007, 56.50 Euro Bezugsnachweis: www.quintessence.at

Schreibe einen Kommentar