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Riccardo Chaillys Mahler-Zyklus

23.08.2005 — Die Mahler-Renaissance der Sechzigerjahre – ein Schlagwort, das sich eingenistet hat. Dabei war es keine eigentliche Wiedergeburt von vormals breit Etabliertem oder von völlig Vergessenem, die Mahlers Schaffen widerfuhr, vielmehr der Beginn einer Neuentdeckung der Qualitäten von Mahlers Musik durch jüngere Dirigenten und breite Hörerschichten. Der Anfang auch einer weltweiten Verbreitung seines Œuvres, die ihre Ableger bis in Film-Soundtracks trieb. Doch das ist ein anderes Kapitel.

Nach Europa gelangte Mahler via Amerika, wo er im Februar 1911 das letzte Konzert seines Lebens geleitet hatte. Eine Hauptrolle als engagierter und enthusiasmierender Mahler-Anwalt spielte Leonard Bernstein, der zum Auftakt die 4. Sinfonie 1960 in New York aufnahm: Ihm gebührt das Verdienst, die erste Gesamtaufnahme aller Mahler-Sinfonien (inklusive das Adagio der 10.) begonnen zu haben. (Dieser erste Zyklus kam 1975 bei Sony heraus, der zweite dann ein Dutzend Jahre später bei der DGG.) Zudem hatte er sich vorgenommen, von Wien aus die Alte Welt für Mahler neu zu entflammen: 1966 spielte Bernstein in Österreichs Hauptstadt als erstes «Das Lied von der Erde» ein.

Wohlverstanden: Mahler und sein Schaffen waren nach dem Tod des Komponisten (1911) präsent geblieben – bei einem Publikum von Liebhabern und Kennern allerdings, einer treuen Mahler-Gemeinde. Im übrigen stiessen seine Sinfonien immer noch auf Misstrauen, Unverständnis und gar auf Hohn mit antisemitischen Untertönen.

Mahler-Zyklen wurden nach dem Ersten Weltkrieg durchgeführt in Wien (1918/19 unter Bruno Walter, 1920 unter Oskar Fried), in Amsterdam (das legendäre Mahler-Fest 1920 unter Willem Mengelberg), in Berlin (1923 unter Klaus Pringsheim) und noch 1936, zwei Jahre vor dem «Anschluss» Österreichs und als Protest gegen die Kulturpolitik der Nazis, in Wien unter dem aus Deutschland vertriebenen Bruno Walter.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt sich der kulturelle Nachholbedarf an Zeitgenössisches. Es blieb bei vereinzelten Mahler-Aufführungen. Erst anlässlich seines 100. Geburtstags intensivierte sich die Auseinandersetzung mit Mahlers Schaffen: 1960 erschien Theodor W. Adornos Mahler-Schrift, und es folgten weitere wichtige Werke der Mahler-Publizistik. Einspielungen sonder Zahl äufneten sich, befördert durch die faszinierenden technischen Errungenschaften der 33-Touren-Langspielplatte (ab Beginn der Fünfzigerjahre) und der Stereophonie (ab 1960).

Dass Mahlers Musik gerade in den Sechzigerjahren, ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod, sagenhafte Popularität gewann, hängt nicht zuletzt mit den gesellschaftlichen Umbrüchen und dem damit verbundenen einschneidenden Wandel des Lebensgefühls zusammen. Jenes Jahrzehnt des Kalten Kriegs, des atomaren Patts, des Berliner Mauerbaus (1961), der Kuba-Krise (1962), des Vietnamkriegs (ab 1964) und des Sechstagekriegs (1967) war auch die hohe Zeit der internationalen Protestaktionen, der Studentenaufstände, der Hippiebewegung, des Woodstock-Festivals, der Beat Music und der Beatles, von Fluxus und Happening.

Mahler wurde zu einem Zeitgenossen der Zukunft, weil nun viele in seinem Werk die Inkohärenz der Zustände auf allen Gebieten widerspiegelt fühlten und zu realisieren begannen, wie Mahlers Daseinserfahrung die Diskontinuität und Gefährdung des modernen, aus ehedem vermeintlich gesicherter Bahn geworfenen Menschen zum Leitthema seiner Musik erhoben hatte. Doch tröstend konnte und kann man zugleich erfahren, dass er in seinem sinfonischen Schaffen Disparates, Auseinanderdriftendes zusammenzwingt und mit Sinn erfüllt, so trotz aller Katastrophen den Glauben an Erlösung bekräftigt. Eine Ausnahme bildet diesbezüglich die (selten aufgeführte) 6. Sinfonie.

Bereits zu Mahlers Lebzeit war neben Wien Amsterdam dank Willem Mengelberg eines der Hauptzentren der Pflege seines Werks, später (1961 bis 1988) fortgesetzt unter Bernard Haitink, den Riccardo Chailly als Chefdirigent des Royal Concertgebouw Orkest abgelöst hat (1988 bis 2004). Im Lauf dieser Jahre hat Chailly seinen nun durch das Label Decca integral herausgebrachten Mahler-Zyklus erarbeitet.

Erstaunlich, dass dessen lange Entstehungsphase künstlerisch keine Brüche offenbart. (Die hier integrierte Einspielung der Zehnten in der Aufführungsfassung von Deryck Cooke stammt von 1986, der letzten Phase Chaillys als Chef des Radio-Symphonie-Orchesters Berlin.) Hauptkennzeichen von Chaillys detailscharfem Mahler-Bild sind gemässigte, nobler Kantabilität Entfaltungsraum gewährende Tempi, klare Disposition der melodischen Linie, der Farbwerte, ihrer Mischungen, auch der differenzierten dynamischen Stufungen, dramatischer Impetus, eine nie von aussen einwirkende, vielmehr aus der Partitur gewonnene, trotz Verwerfungen und Zuspitzungen in sich ruhende Ausdruckskraft.

Der phänomenale Zyklus bezieht seine Intensität und Qualität auch aus den Leistungen der Orchester, ihrer Solisten, der Sängerinnen, Sänger und Chöre sowie der brillanten Aufnahmetechnik. (ws)

Mahler: The Symphonies. Leitung: Riccardo Chailly. Royal Concertgebouw Orchestra (Sinfonien 1–9) . Radio-Symphonie-Orchester Berlin (10. Sinfonie). Philharmonischer Chor Prag. Niederländischer Radiochor. Zwei Jugendchöre. Vokalsolisten: Melanie Diener (2. Sinfonie); Petra Lang (2. und 3.); Barbara Bonney (4.); Jane Eaglen, Anne Schwanewilms, Ruth Ziesack, Sara Fulgoni, Anna Larsson, Ben Heppner, Peter Mattei, Jan-Hendrik Rootering (8.). (Decca 475 6686; 12 CDs in Box)

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