05.03.2005 — Ein Jahrhundert Jazz auf 800 Seiten: Wer nennt die Namen, zählt die Stile in der Entwicklung des Jazz von den einfachen harmonischen Gerüsten und klaren Strukturen der Anfänge (New Orleans, Chicago, Dixieland) über die formbildenden Innovationen der Zwanziger- und Dreissigerjahre, die Komplexität des Bebop und Post-Bop der Vierziger- und Fünfzigerjahre, die Abstraktion der Sechziger- und die Jazz-Rock-Fusion der Siebzigerjahre bis zum heutigen Pluralismus der Weltsprache Jazz?
Drei Praktiker, Ian Carr, Gründer und Trompeter der Jazz-Rock-Band Nucleus und u.a. Verfasser einer vielgerühmten Miles-Davis-Biographie, der Trompeter Digby Fairweather und der Pianist Brian Priestley, beide bekannte Rundfunkmitarbeiter, sowie neun weitere Autoren unternahmen es, Fülle und Vielfalt des Jazz in Einzelporträts von Musikern zu konzentrieren; den renommierten Rough Guide Jazz haben sie nun für dessen 2. Auflage aktualisiert und erweitert.
In über 1800 alphabetisch geordneten Personenartikeln von A (Ahmed Abdul-Malik) bis Z (Axel Zwingenberger) werden die massgeblichen Erneuerer und führenden Musikerinnen und Musiker aus allen Kontinenten porträtiert und in ihren Leistungen (weder undifferenziert noch unkritisch) gewürdigt – breiter und vertiefend abgehandelt sind der Werdegang und der Einfluss legendärer Revolutionäre des Jazz. In den Personenartikeln werden auch die Teilnahme an wichtigen Einspielungen und Orchestern, Bands bzw. Gruppen genannt (die Formationen lassen sich mangels Register allerdings nicht nachschlagen). Den Beiträgen angefügt sind Auswahl-Diskografien mit Kurzcharakterisierungen von über 3000 ausgewählten Alben (CD, fallweise aber auch LP).
Der Hauptakzent liegt zahlenmässig auf Musikern und Musikerinnen aus den USA, doch fällt die intensive Berücksichtigung von Persönlichkeiten anderer Länder auf. Hervorzuheben ist zudem, dass die Autoren, deren Beiträge durch Schwarz-Weiss-Abbildungen von Plattenhüllen und Porträtfotos bereichert sind, nicht nur die Instrumentalsolisten an der Rampe, Altmeister und Jungstars, sondern auch Sidemen, Vokalistinnen und Vokalisten, Begleiter und Arrangeure würdigen. Ein Glossar klärt eine knapp gefasste Auswahl wichtiger musikalischer Fachbegriffe und Stilrichtungen des Jazz. (ws)
Ian Carr/Digby Fairweather/Brian Priestley: Rough Guide Jazz. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. Mit 300 Schwarz-weiss-Abbildungen. Verlag J. B. Metzler, Stuttgart 2004. 805 Seiten. € 29,95. Fr. 48.-.