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Rückblick (saw you in Frankfurt)

Von Wolfgang Böhler

 

11.04.2005 — Das Internet ist fester Bestandteil der Musikbranche geworden. Nicht nur wegen der illegalen und mittlerweile legalen Downloads von Musik und damit der Funktion als neuem Distributionskanal für das immaterielle Gut Musik. Auch eine Dienstleistungsindustrie beginnt sich zu entwickeln. Auf der Musikmesse Frankfurt 2005 fanden sich erste fortgeschrittene Angebote, etwa eine Datenbank für Notenmaterial mit Hörbeispielen (www.notendatenbank.net ) oder die Produktdatenbank www.musikweb24.de, die allerdings erst Mitte des kommenden Septembers starten soll.

Auf der andern Seite stiessen wir in Frankfurt – vor allem bei Gesprächen mit Geschäftsführern von kleineren und mittleren Traditionsbetrieben – auf teils harsche Ablehnung, wenn wir unser unentgeltliches Magazin vorzustellen versuchten (ohne dabei irgendetwas verkaufen zu wollen!) Die Reaktionen deuten darauf hin, dass das Web in diesen Kreisen zum Teil als Niedergang aller authentischen Kultur verstanden wird und ein fundamentaler Unwille besteht, sich damit vertraut zu machen.

Bei den grossen Traditionsverlagen wiederum war zwar Offenheit gegenüber dem neuen Medium zu spüren, dezidierte Internetstrategien sind aber kaum auszumachen – viele der entsprechenden Webauftritte sind halbherzig sowie technisch und in Sachen Usability suboptimal. Die Marketingaktivitäten sind vor allem rückwärtsgewandt und darauf bedacht, die gewachsenen Traditionen in Ästhetik und handwerklicher Kultur von Druckerzeugnissen zu betonen.

Real existierende Verlagswelt und virtuelle Distributionskanäle sind jedoch keine gegenseitige Bedrohung. Genausowenig wie exzellenter Druck und liebevoll gestaltete Bücher obsolet würden, ist das Internet Ausdruck von marktschreierischer Oberflächlichkeit. Das Medium an und für sich ist wertneutral, und die Nutzung unterscheidet sich deutlich von derjenigen traditioneller Medien. Den Verlagen, welche die Komplementarität dieser Welten verstehen, steht die Zukunft offen. Diejenigen, welche die Augen vor den Entwicklungen verschliessen, verpassen hingegen eine einmalige Chance, einen Kanal für die eigenen Anliegen zu nutzen, der eben gerade in hohem Masse Autonomie und Raum zur Kreativität bietet.

Auffallend war in Frankfurt auch, dass die neuen Technologien für die sogenannten E-Musikbereiche vor allem von asiatischen Anbietern erschlossen werden. Auch hier halten sich die Europäer allzu vornehm zurück, möglicherweise im Glauben, Tablet-PC als Notenträger oder verspielte Varianten von Midi-Instrumenten seien bloss das Ding der populären Musikmoden wie Turntabling und Raves.

Auch der Mentalitätsunterschied zwischen E- und Popmusik war offensichtlich, wenn man von der Halle 5 mit ihren brummenden, stampfenden und irisierenden Synthesizerklängen in die Halle 6 der Violin- und Blasinstrumentemacher wechselte. Angesichts der handwerklichen Meisterschaft vieler traditioneller Anbieter sind Stolz und Skepsis gegenüber der hektischen Welt von DJ und elektronischem Soundmix nachvollziehbar. Traditionsbetriebe, die sich weigern, die Möglichkeiten des Internet für Marketing und Kommunikation in Eigenreige überhaupt nur zu evaluieren, verpassen aber möglicherweise eine Chance, sich in der Wahrung der eigenen Werte selber zu stärken. Das Web ist ja wie gesagt an und für sich wertfrei, und sein Charakter wird von denen bestimmt, die es für ihre Zwecke nutzen.

Zur Musikmesse findet sich hier ein Bericht (wb)

Der Wissenschaftstheoretiker und Musikpublizist Wolfgang Böhler ist Produzent von Worldmusic- und Kammerjazz-Projekten und Chefredaktor des Codex flores Onlinemagazins

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